Millenniums-Entwicklungsziele

Welttoilettentag 2014: Es geht um Gleichheit und Würde

Das Poster zeigt ein kleines Mädchen, das einen Jungen auf dem Arm trägt und dabei lächelt

„Wir können nicht warten”, UN-Plakat zum diesjährigen Welttoilettentag

„Gleichheit und Würde“ lautet das Thema des diesjährigen Welttoilettentages am 19. November.

Jedes Jahr wird an diesem Tag die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das „anrüchige“ Thema der sanitären Versorgung gelenkt. 2001 ergriff die Nichtregierungsorganisation „World Toilet Organization“ (WTO) mit Sitz in Singapur die Initiative dafür, an einem Tag im Jahr mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf die sanitäre Misere in vielen Ländern der Welt aufmerksam zu machen. Am 24. Juli 2013 hat die UN-Generalversammlung auf Initiative Singapurs einstimmig beschlossen, den 19. November zum internationalen „Welttoilettentag“ zu erklären. Die Federführung bei der Vorbereitung dieses internationalen Tages liegt bei UN Water.

Wie wichtig es ist, die globalen sanitären Probleme zum Thema zu machen, zeigt sich daran, dass 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu einer angemessenen und gesundheitlich unbedenklichen sanitären Versorgung haben. Von ihnen hat etwa eine Milliarde Menschen überhaupt keinen Zugang zu Toiletten und muss sich irgendwo im Freien einen Platz zum Defäkieren suchen. Neun von zehn dieser Menschen leben in ländlichen Gebieten. Die zunehmende Siedlungsdichte auch auf dem Lande macht es immer schwieriger, hierfür einen ruhigen, ungestörten Platz zu finden. 

Kinder sind durch die Folgen einer fehlenden sanitären Versorgung akut gefährdet. Jeden Tag sterben 1.000 Kinder an Durchfallerkrankungen, die vor allem durch die sanitäre Misere ausgelöst werden.

Besonders Frauen und Mädchen leiden unter fehlenden oder unzumutbaren Toiletten. Viele von ihnen warten aus Scham bis zur Dunkelheit, um dann nach einem geeigneten Platz zu suchen. Nicht selten sind sie dabei dem Risiko von Vergewaltigungen und anderen sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Alle betroffenen Frauen und Mädchen sind in ihrer Würde bedroht, wenn sie Tag für Tag fürchten müssen, dass jemand sie beim Stuhlgang im Freien beobachtet. 

Das Kinderhilfswerk UNICEF prangert seit Jahren an, dass viele heranwachsende Mädchen die Schule verlassen, wenn es dort überhaupt keine oder keine sauberen und sicheren Toiletten gibt. Umgekehrt erhöht sich der Schulbesuch von Mädchen deutlich, wenn eine sanitäre Versorgung, zu der auch der Zugang zu fließendem Wasser gehört, vorhanden ist. Die Forderung nach Gleichheit und Würde lässt sich nur verwirklichen, wenn Schultoiletten, getrennt für Jungen und Mädchen, vorhanden sind. 

Kinder gehen auf eine Toilette
Toiletten verbessern Gesundheit und Lebensqualität aller Menschen, besonders von Frauen und Mädchen. Mit Unterstützung eines Programms der Vereinten Nationen sind in Abidjan in der Elfenbeinküste schmucke Toilettenanlagen für Schulen entstanden. Saubere und gut funktionierende Toiletten erhöhen den Schulbesuch von Mädchen in afrikanischen Ländern sehr deutlich. Foto: UN Photo/Patricia Esteve

In Entwicklungsländern, die sich entschlossen für eine Beendigung der sanitären Misere einsetzen, wurden bereits beachtliche Erfolge erzielt. So ist es dem wirtschaftlich armen Bangladesch in den letzten zwei Jahrzehnten gelungen, so viele Toiletten zu bauen, dass niemand mehr seine oder ihre „Geschäfte“ im Freien verrichten muss. Im benachbarten Indien hingegen benutzt noch immer der Hälfte der Bevölkerung keine Toilette. Immerhin hat nun der neue Premierminister Narendra Modi den Bau von Toiletten zu einer Priorität seiner Politik gemacht. Er verkündet öffentlichkeitswirksam: „Erst Toiletten und später Tempel“.

Die Weltgemeinschaft verfehlt ihr Toiletten-Ziel  

Als im Jahre 2000 die Millenniums-Entwicklungsziele formuliert wurden, blieb das Thema sanitäre Versorgung unberücksichtigt. Erst 2002 wurde nachträglich das Ziel hinzugefügt, bis 2015 den Anteil der Menschen ohne eine angemessene sanitäre Versorgung im Vergleich zu 1990 zu halbieren. Allerdings war man 2012 von diesem Ziel noch weit entfernt. Im Vergleich zu 1990 wurde lediglich eine Verminderung des Anteils von 51 auf 36 Prozent erreicht. Die absolute Zahl der betroffenen Menschen hat sich angesichts einer steigenden Weltbevölkerung sogar nur von 2,7 auf 2,5 Milliarden Menschen vermindert. Das Ziel der Verbesserung der sanitären Versorgung ist wahrscheinlich das Millenniums-Entwicklungsziel, das am Weitesten von seiner Verwirklichung entfernt ist. 

Jan Eliasson, stellvertretender UN-Generalsekretär und Experte für Wasser- und Sanitärthemen, wies kurz vor dem diesjährigen Welttoilettentag darauf hin, dass heute mehr Menschen ein Mobiltelefon nutzen können als Zugang zu einer Toilette haben. Er betont: „Wer in die sanitäre Versorgung investiert, erzielt konkrete Ergebnisse mit positiven Veränderungen im Leben der Menschen. Die ökonomischen Verluste (durch Nichthandeln) können furchtbar sein, die ökonomischen Gewinne sind hingegen enorm hoch.“ Die „World Toilet Organization“ geht davon aus, dass jeder Dollar, der in die Verbesserung der Wasser- und Sanitärversorgung investiert wird, einen Nutzen von 8 Dollar durch gesparte Zeit, erhöhte Produktivität und sinkende Gesundheitskosten erbringt. 

Jan Eliasson setzt sich dafür ein, das Schweigen und die Tabus bei den Themen Toiletten und dem erzwungenes Defäkieren im Freien zu brechen. Er hat deshalb im Namen von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Initiative „End Open Defecation“ gestartet. Ziel ist es, dass bis 2025 niemand auf der Welt mehr einen ungestörten Ort im Freien suchen muss, weil kein Zugang zu einer Toilette besteht. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde eine globale Kampagne gestartet, der sich viele internationale Organisationen angeschlossen haben. 

Logo
    Link zur Website: www.unwater.org/worldtoiletday

Initiativen zum Welttoilettentag

Zum diesjährigen Welttoilettentag hat die „World Toilet Organization“ zu einem „Urgent Run“ an möglichst vielen Orten aufgerufen. Der „Dringliche Lauf“ soll die Aufmerksamkeit auf die globale sanitäre Krise lenken. Die Organisatoren schreiben über ihre Initiative: „Der ‚Urgent Run‘ ist ein Ereignis, das Freude machen soll. Besonders wichtig ist uns, dass das Ereignis für alle zugänglich ist und alle einbezieht. Unser Ziel ist es, eine Plattform zu schaffen für alle Menschen jeglichen Alters, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrem Glauben, ihrer Hautfarbe und ihrem sozio-ökonomischen Hintergrund, um die globalen Entscheidungsträger dringend aufzufordern, ihrer gemeinsamen Verpflichtung nachzukommen, die sanitäre Situation von einem Drittel der Menschheit zu verbessern.“

Auch in Deutschland wird es am 19. November viele Aktivitäten geben. So nehmen die Städtischen Werke Magdeburg den Welttoilettentag 2014 zum Anlass für eine Ausstellung („Das stille Örtchen – von extrem bis exquisit“), ein Bürstenballett, ein Konzert („Dixieland und Dixeklo“) und weitere Aktionen. In Berlin wird am 19. November unter anderem eine „Tour de Toilette“ mit Geschichten und Geschichte der Hygiene- und Toilettenkultur der Stadt angeboten. 

Mehr Informationen zum diesjährigen Welttoilettentag und zu globalen sanitären Problemen finden Sie auf Deutsch auf den Websites der „German Toilet Organization“ und von „Wash-Netzwerk“.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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