Ziele für nachhaltige Entwicklung/Post-2015 Wirtschaftliche Entwicklung

UN-Gipfel beschließt Entwicklungsziele: „Wir verpflichten uns, niemanden zurückzulassen.“

Shakira auf der Bühne und auf zwei großen Leinwänden projiziert

Die bekannte Sängerin und UNICEF-Botschafterin Shakira trug bei der Eröffnungsveranstaltung den Song „Imagine“ von John Lennon vor und fügte hinzu: „Jetzt es Zeit, sich nicht nur etwas auszumalen, sondern zu handeln.“ Foto: UN Photo/Cia Park

„Wir verpflichten uns, auf dieser großen gemeinsamen Reise, die wir heute antreten, niemanden zurückzulassen.“ So lautet eine zentrale Zusage des gemeinsamen globalen Programms zur nachhaltigen Entwicklung, das vom UN-Gipfeltreffen am 25. September 2015 einstimmig verabschiedet wurde. Die Agenda für nachhaltige Entwicklung wird am 1. Januar 2016 in Kraft treten und soll bis zum 31. Dezember 2030 umgesetzt sein.

Am Nachhaltigkeitsgipfel vom 25. bis 27. September in New York nahmen mehr als 150 Staats- und Regierungschefs sowie zahlreiche Minister teil. Das waren mehr führende Politiker aus aller Welt als jemals zuvor bei einer UN-Versammlung. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, wie ernst die neuen Ziele von der internationalen Politik genommen werden.

In dem Dokument unter dem Titel „Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ verpflichten sich alle Nationen, unsere Welt in den nächsten eineinhalb Jahrzehnten grundlegend zum Positiven zu verändern: „Wir sind entschlossen, von heute bis 2030 Armut und Hunger überall auf der Welt zu beenden, die Ungleichheiten in und zwischen Ländern zu bekämpfen, friedliche, gerechte und inklusive Gesellschaften aufzubauen, die Menschenrechte zu schützen und Geschlechtergleichstellung und die Selbstbestimmung der Frauen und Mädchen zu fördern und den dauerhaften Schutz unseres Planeten und seiner natürlichen Ressourcen sicherzustellen. Wir sind außerdem entschlossen, die Bedingungen für ein nachhaltiges, inklusives und dauerhaftes Wirtschaftswachstum, geteilten Wohlstand und menschenwürdige Arbeit für alle zu schaffen, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Entwicklungsstufen und Kapazitäten der einzelnen Länder.“

Ziele für alle Länder und viele Lebensbereiche

In einem partizipatorischen Prozess unter Einbeziehung von Regierungen und Zivilgesellschaft wurden 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung mit 169 Unterzielen formuliert, die in allen Ländern der Welt verwirklicht werden sollen. Diese nachhaltigen Entwicklungsziele knüpfen an die im Jahre 2000 im Rahmen der Vereinten Nationen verabschiedeten Millenniums-Entwicklungsziele an, die bis Ende 2015 erreicht werden sollten.

Der Papst redet und gestikuliert klar und mit Nachdruck
In einer Ansprache zu Beginn der Beratungen über die nachhaltigen Entwicklungsziele forderte Papst Franziskus die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des UN-Gipfels eindringlich auf, sich gemeinsam für Ziele wie den Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Foto: UN Photo/Kim Haughton

Die nun formulierten Ziele legen nicht nur einen deutlicheren Akzent auf Fragen der Nachhaltigkeit, sondern spiegeln auch ein umfassenderes Verständnis von Entwicklung wider. Deshalb heißt es in dem Dokument: „Wir bekennen uns dazu, die nachhaltige Entwicklung in ihren drei Dimensionen – der wirtschaftlichen, der sozialen und der ökologischen – in ausgewogener und integrierter Weise herbeizuführen.“

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sprach bei dem Gipfel von einem „entscheidenden Moment in der Menschheitsgeschichte“. Die Nachhaltigkeitsagenda sei „eine allumfassende, ganzheitliche und umgestaltende Vision für eine bessere Welt“. Der UN-Generalsekretär rief die Mitgliedstaaten dazu auf, dieses Programm nun umzusetzen: „Wir brauchen ein Handeln von allen, überall.“

Der Papst engagiert sich für ökologische und soziale Ziele

„Jede Schädigung der Umwelt ist eine Schädigung der Menschheit“. Papst Franziskus nutzte seine Ansprache vor dem UN-Nachhaltigkeitsgipfel, um eindringlich für Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit einzutreten. So warnte er davor, dass die Zerstörung der biologischen Vielfalt „die Existenz der Spezies Menschen selbst in Gefahr zu bringen“ droht. Ebenso setzte er sich kritisch mit Themen wie Menschenhandel, Sklavenarbeit, Waffenhandel und international organisierter Kriminalität auseinander. Die Verabschiedung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung bezeichnete der Papst als „ein wichtiges Zeichen der Hoffnung“.

Auch äußerte sich Franziskus positiv zur Bedeutung der Vereinten Nationen, die dieses Jahr 70 Jahre bestehen: „Das lobenswerte internationale Rechtsgebäude der Organisation der Vereinten Nationen und aller ihrer Aktivitäten, das noch verbesserungsfähig ist wie jedes menschliche Werk und das zugleich notwendig ist, kann Unterpfand einer sicheren und glücklichen Zukunft für die kommenden Generationen sein.“

Zusagen der deutschen Bundeskanzlerin

Angela Merkel redet ruhig und besonnen
Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in einer viel beachteten Ansprache beim UN-Nachhaltigkeitsgipfel zu, dass Deutschland sein Entwicklungs- und Klimaengagement verstärken und entschlossen an der weltweiten Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele mitarbeiten wird. Foto: UN Photo/Mark Garten

In ihrer Ansprache beim UN-Nachhaltigkeitsgipfel betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Deutschland steht zur Verpflichtung, 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe einzusetzen.“ Sie kündigte an: „Unser Etat für Entwicklungshilfe wird in den nächsten Jahren jeweils substanziell steigen.“

Zur globalen Armutsbekämpfung erklärte die Bundeskanzlerin optimistisch: „Wir haben bereits die Hälfte der Wegstrecke zurückgelegt. Die absolute Armut ist halbiert. Das bietet allen Anlass zur Zuversicht, dass wir auch die nächste Etappe schaffen können.“ Sie ermutigte die Regierungsvertreter aus mehr als 190 Ländern: „Wir wollen und wir können die Welt verändern. Wir sollen und können unserer Welt ein menschlicheres Gesicht geben.“

Angela Merkel thematisierte im Blick auf den Klimaschutz die Notwendigkeit für „eine gemeinsame Vision, wie eine Dekarbonisierung auf globaler Ebene im Laufe dieses Jahrhunderts erreicht werden kann“. Wichtig sei auch, dass die Industriestaaten von 2020 an jährlich 100 Milliarden US-Dollar für den Klimaschutz in den Entwicklungsländern zur Verfügung stellen. Die Bundeskanzlerin stellte unmissverständlich klar: „Da müssen wir liefern und Vertrauen schaffen.“

Zur Flüchtlingsthematik diagnostizierte sie, dass „Krieg, Terror und Gewalt, aber auch mangelnde Zukunftsperspektiven und die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen“ gegenwärtig so viele Menschen zur Flucht zwängen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die Weltgemeinschaft stehe in der Pflicht, den Ursachen der Flucht entgegenzuwirken.

Große Aufgaben in Deutschland

Deutschland steht nach der Verabschiedung der nachhaltigen Entwicklungsziele vor gravierenden Aufgaben. So gilt es, die Entwicklungsländer tatkräftig und mit ausreichend Finanzmitteln bei der Umsetzung der Ziele zu unterstützen und gleichzeitig diese Ziele auch im eigenen Land zu verwirklichen.

17 Ziele auf einer farbenfrohen Grafik mit kleinen Symbolen dargestellt
Die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele wurden unter aktiver Mitwirkung der UN-Programme und -Organisationen formuliert. Die Ziele stellen das UN-System nun vor zahlreiche Aufgaben.

Michael Bauchmüller kommentierte in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 26./27. September 2015 kritisch den deutschen Umgang mit der Nachhaltigkeit: „… diese Bundesregierung hat sie sich auf die Fahnen geschrieben, allein 68-mal taucht die Nachhaltigkeit in irgendeiner Form im Koalitionsvertrag von Union und SPD auf. Doch dahinter steht alles und nichts: die Konsolidierung der Staatsfinanzen, das Wachstumsmodell, selbst der Bau neuer Straßen und Brücken. Von einer nachhaltigen Entwicklung im eigentlichen Sinne ist das fortschrittliche Deutschland weit entfernt. Sie würde verlangen, dem Planeten nicht mehr zu nehmen, als er reproduzieren kann; ihm nicht mehr zuzumuten, als er zu verkraften imstande ist. Mehr noch, es gibt auch so etwas wie soziale Nachhaltigkeit, sie umfasst Fragen der Verteilung von Armut und Reichtum, der Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Das Entwicklungsland Deutschland könnte bei alldem einigen Fortschritt vertragen.“

Stimmen aus den UN-Programmen und -Organisationen

Die Verabschiedung der nachhaltigen Entwicklungsziele war begleitet von inhaltlichen Positionsbestimmungen durch leitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem UN-System vor dem Plenum des Nachhaltigkeitsgipfels oder am Rande dieses globalen Treffens.

Helen Clark, die Exekutivdirektorin des UN-Entwicklungsprogramms UNDP, appellierte in einer Ansprache: „Wir sind die letzte Generation, die die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels abwenden kann, und die erste Generation, die den Reichtum und das Wissen hat, um die Armut zu beseitigen. Dafür ist eine furchtlose Führung von uns allen gefordert. Wenn die globale Gemeinschaft kollektiv bereit ist, die Herausforderung zu bestehen, die nachhaltigen Entwicklungsziele zu erreichen, gibt es die Chance, eine nachhaltige Entwicklung zu verwirklichen – und damit viel bessere Aussichten für alle Menschen und unseren Planeten zu schaffen.“

Achim Steiner, der Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms UNEP, stellte die großen Chancen heraus, die mit den nachhaltigen Entwicklungszielen verbunden sind: „Wir haben die einzigartige Möglichkeit, jetzt an der Umsetzung einer globalen Agenda zu arbeiten, die uns alle auf einem Planeten und als Gemeinschaft von Nationen vereint. Wenn wir diese Aufgabe mit Hingabe und Ehrgeiz annehmen, können wir die Agenda 2030 zu einem Schlüsselmoment in der Geschichte unserer Welt machen.“

José Graziano da Silva, der Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO, betonte in seiner Ansprache: „Wir haben uns eine enorm große Aufgabe gegeben, und das beginnt mit der historischen Verpflichtung, Hunger und Armut nicht nur zu reduzieren, sondern auf eine nachhaltige Weise zu beseitigen (…) Wir können erst ruhen, wenn wir Null Hunger erreicht haben.“

Kanayo F. Nwanze, der Präsident des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), hob die Bedeutung der Kleinbauernfamilien für das Erreichen der Entwicklungsziele hervor: „Kleinbauern und die ländliche Bevölkerung stehen bereit, mehr Nahrungsmittel zu produzieren, Arbeitsplätze zu schaffen und unseren Planeten zu schützen. Alles, was sie brauchen, sind die Möglichkeiten und Werkzeuge, um dies zu tun.“

Die Weltgesundheitsorganisation WHO verwies auf die Schwächen der bisherigen Millenniums-Entwicklungsziele und die Chancen der nachhaltigen Ziele: „Viel bleibt zu tun (…) So ist auch klar geworden, dass die Welt zu einem gesünderen Ort wird, wenn die globalen Ziele eine sehr viel größere Bandbreite von Themen abdecken. Es ist deshalb wichtig, dass zu den neuen Zielen die Bekämpfung nicht übertragbarer Krankheiten gehört. Berücksichtigt sind außerdem die Absicherung gegenüber Gesundheitsrisiken, die reproduktive Gesundheit sowie die Gesundheit von Schwangeren, Neugeborenen, Kleinkindern und Heranwachsenden, Infektionskrankheiten und der allgemeine Zugang zu einer Gesundheitsversorgung.“

Mehr Informationen zu den nun verabschiedeten nachhaltigen Entwicklungszielen finden Sie auf der Seite „Der Post-2015-Prozess und die Ziele für nachhaltige Entwicklung“ des DGVN-Portals.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

Das könnte Sie auch interessieren

  • Matthias Böhning und Silke Weinlich vor dem Banner der DGVN

    Quo vadis? – Die UN auf dem Weg zu einer "Post-2015-Agenda"

    Am Dienstag, den 03.02.2015, lud die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) zum Mittagsgespräch ins dbb-Forum in Berlin. Dr. Silke Weinlich (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik), Günter Mitlacher (World Wide Fund for Nature) und Matthias Böhning (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft) diskutierten über den Synthese-bericht für nachhaltige Entwicklung von… mehr

  • Jürgen Maier, Marie-Luise Abshagen

    Ziele für eine nachhaltige Entwicklung – die Quadratur des Kreises?

    Im September 2015 soll eine neue Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsagenda verabschiedet werden. Sie soll die auslaufenden Millenniums-Entwicklungsziele fortführen und neue Ziele für eine nachhaltige Entwicklung enthalten. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, dennoch zeichnet sich bereits ab, dass die Schwierigkeiten vor allem bei den Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen liegen werden. mehr

  • Frank Kürschner-Pelkmann

    UN-Basis-Informationen 52 Die Ziele für nachhaltige Entwicklung