Millenniums-Entwicklungsziele

UN-Bericht: Weniger Hungernde – und größere Aufgaben

Eine Frau steht mit Getreide im Arm auf ihrem Feld

Eine lange Dürreperiode hat dazu geführt, dass diese Bäuerin in Gambia kaum Reiskörner an den geernteten Ähren findet. Foto: FAO/Seyllou Diallo

Die Zahl der Hungernden auf der Welt ist auf 795 Millionen gesunken. Das geht aus dem UN-Bericht „The State of Food Insecurity in the World 2015” (Der Stand der Ernährungssicherheit der Welt 2015) hervor.

Der Bericht wurde von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO, dem Internationalen Fonds für Landwirtschaftliche Entwicklung IFAD und dem Welternährungsprogramm WFP erarbeitet.

In Entwicklungsländern hat sich der Anteil der Bevölkerung, der über nicht genügend Nahrung für ein aktives und gesundes Leben verfügt, von 23,3 % Anfang der 1990er Jahre auf heute nur noch 12,9 % vermindert. Deshalb haben derzeit 216 Millionen Menschen weniger als vor 25 Jahren nicht genug zu essen. Aber immer noch leidet jeder neunte Mensch auf der Welt unter Hunger.

Das Entwicklungsziel wird nicht ganz erreicht

72 von 129 Entwicklungsländern haben das Millenniums-Entwicklungsziel erreicht, bis 2015 den Anteil der Menschen zu halbieren, die hungern.

Die globale Wirtschaftslage der letzten Jahre sowie extreme Wetterbedingungen, Naturkatastrophen, politische Instabilität und Kriege haben aber verhindert, dass das Ziel der Ernährungssicherung bis Ende 2015 vollends erreicht werden kann. Jeder fünfte Hungernde lebt in einem Krisengebiet mit schwachen oder fehlenden Regierungsstrukturen. In Krisenländern leiden mehr als dreimal so viele Menschen wie anderswo unter Hunger.

Viele Länder in Afrika südlich der Sahara waren und sind besonders stark von politischen und sozialen Krisen betroffen, und dies spiegelt sich auch darin wider, dass in diesem Teil der Welt annähernd ein Viertel der Bevölkerung von Unterernährung betroffen ist. 24 afrikanische Länder sind heute von Nahrungskrisen betroffen – doppelt so viele wie 1990. Es gibt aber – vor allem in Westafrika – eine Reihe von Ländern, die bedeutende Erfolge im Kampf gegen den Hunger erzielt haben.

Auf Erfolgen aufbauen

Die größten Fortschritte bei der Hungerbekämpfung wurden in Ostasien, Südostasien und Lateinamerika erzielt. In Lateinamerika hat sich der Anteil der von Hunger betroffenen Menschen seit 1990 um mehr als die Hälfte vermindert und ist unter fünf Prozent gesunken.

Diese Erfolge zeigen, wie Hunger nachhaltig bekämpft werden kann: Wirksam sind vor allem landwirtschaftliche Investitionen, soziale Sicherung, politische Stabilität und Wirtschaftswachstum, von dem die gesamte Bevölkerung profitiert. Vor allem aber braucht es den politischen Willen, die Beseitigung des Hungers zum zentralen Entwicklungsziel zu machen, so der Bericht.

José Graziano da Silva, Generaldirektor der FAO, ist angesichts der bisherigen Ergebnisse überzeugt, dass der Hunger noch zu unseren Lebzeiten besiegt werden kann: „Dieses Ziel muss bei allen politischen Entscheidungen berücksichtigt werden und essenzieller Teil der neuen Agenda für nachhaltige Entwicklung sein, die dieses Jahr aufgestellt wird. Wir müssen die Generation sein, die den Hunger besiegt.“

Um dieses Ziel zu erreichen, fordert der FAO-Generaldirektor: „Wir müssen die Verfügbarkeit von Lebensmitteln um 60 Prozent bis 2050 steigern, um zwei Milliarden Menschen mehr als heute – die es laut Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung geben wird – zu ernähren.“

Externer Link zur Interaktiven Karte der FAO zum Thema Hunger
Die interaktive „FAO Hunger-Karte 2015“ unter www.fao.org/hunger/en/ ermöglicht es festzustellen, in welchem Ausmaß die einzelnen Länder der Welt von Unterernährung betroffen sind.

Die Förderung von Kleinbauernfamilien

Eine verbesserte landwirtschaftliche Produktion – besonders durch Kleinbauernfamilien – reduziert effektiv Hunger und Armut. So konnten in Afrika diejenigen Länder, die die kleinbäuerliche Produktion verstärkt gefördert haben, das Entwicklungsziel der Hungerverminderung erreichen, während Staaten mit geringeren Fortschritten in diesem Gebiet es verfehlten.

Wirtschaftswachstum und eine Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion garantieren für sich genommen noch keine Erfolge im Kampf gegen den Hunger. Laut UN-Bericht kommt es darauf an, ein Wachstum zu erzielen, das alle einbezieht und von dem alle profitieren. Im Bericht wird von einem „inklusiven Wachstum“ gesprochen.

Für IFAD-Präsident Kanayo F. Nwanze stehen Investitionen in die ländlichen Gebiete von Entwicklungsländern an erster Stelle, da dort die meisten Armen und Hungernden leben. „In ländlichen Gemeinden müssen gute Arbeitsplätze, gute Lebensbedingungen und gute Zukunftschancen für die Bewohner entstehen. Nur so können sich Länder nachhaltig entwickeln.“

Soziale Sicherungsnetze sind unverzichtbar

Wirtschaftliche Erträge der Staaten müssen in Sozialleistungen und Entwicklungsprogramme investiert werden, damit die gesamte Bevölkerung davon profitiert. Nur so können sich auch ärmere Menschen gegen Naturkatastrophen und andere Krisen absichern. Bisher müssen sieben von zehn Menschen auf der Welt ohne eine soziale Absicherung auskommen.

Der Ausbau sozialer Sicherungsnetze reduziert die Zahl der Hungernden. Krankenversicherungen, Schulspeisungsprogramme und Sozialleistungen für bedürftige Haushalte in Form von Geld oder Nahrungsmittelgutscheinen stellen außerdem sicher, dass die gesamte Bevölkerung Zugang zu nahrhaftem Essen hat, welches ihnen ein produktives Leben ermöglicht.

„Männer, Frauen und Kinder brauchen täglich nahrhaftes Essen, um sich voll zu entfalten. Nur so können sie zum wirtschaftlichen Wachstum ihres Landes beitragen. Von diesem muss wiederum die gesamte Bevölkerung profitieren, damit Hunger zur Geschichte wird.“

Ertharin Cousin, Exekutivsekretärin des Welternährungsprogramms

Reaktionen von Entwicklungsorganisationen auf den Bericht

Der UN-Bericht zeigt nach Ansicht der Welthungerhilfe „kaum Fortschritte in der weltweiten Hungerbekämpfung“, so die Präsidentin der Organisation Bärbel Dieckmann. „Setzt sich der Trend der letzten zehn Jahre fort, rückt unser Ziel – eine Welt ohne Hunger bis 2030 – in weite Ferne. Dann wären wir erst nach dem Jahr 2060 so weit.“ Bärbel Dieckmann fordert: „Bei der Hungerbekämpfung müssen vor allem die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern stärker in den Fokus rücken. Kleinbauern produzieren rund drei Viertel aller Nahrungsmittel in Entwicklungsländern. Mit mehr Unterstützung können sie mehr produzieren und mehr Einkommen erwirtschaften und so den Hunger in ihren Ländern besiegen.“

Mit Blick auf das bevorstehende Gipfeltreffen der führenden Industriestaaten auf Schloss Elmau am 7. und 8. Juni fordert Dieckmann: „Die G7-Regierungen müssen eine deutliche Trendwende einleiten, ihre Bemühungen verstärken und die staatlichen Mittel zur Hungerbekämpfung bis 2030 kontinuierlich erhöhen.“

Trotz der Fortschritte im Kampf gegen den Hunger ist die Oxfam-Agrarexpertin Marita Wiggerthale überzeugt: „Wenn wir in dem Tempo weitermachen, dann dauert es noch knapp 50 Jahre“, bis der Hunger in der Welt besiegt ist. In einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ diagnostizierte sie: „Die wichtigsten Ursachen für Hunger werden noch immer nicht ausreichend angegangen. Dazu gehören der mangelnde Zugang von Kleinbauern zu Land und Wasser, die unzureichende Förderung vor allem der Ärmsten, die vielfältige Diskriminierung von Frauen, die sich verschlechternden Umweltbedingungen wie Bodenzerstörung, Wasserkrisen und Klimawandel sowie unfaire Regeln im internationalen Handel.“

Die Oxfam-Agrarexpertin ist überzeugt: „Das zeigt, dass das Ziel, den Hunger bis zum Jahr 2030 komplett zu beenden, nur erreichbar ist, wenn wir einen stärkeren politischen Willen und mehr Geld für die richtigen Strategien aufbringen.“

Der vollständige UN-Bericht kann auf der Website der FAO heruntergeladen werden. Dort ist auch eine Kurzfassung verfügbar.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

Das könnte Sie auch interessieren

  • Eine Frau steht mit Getreide im Arm auf ihrem Feld

    UN-Bericht: Weniger Hungernde – und größere Aufgaben

    Die Zahl der Hungernden auf der Welt ist auf 795 Millionen gesunken. Das geht aus dem UN-Bericht „Der Stand der Ernährungssicherheit der Welt 2015“ hervor. In Entwicklungsländern hat sich der Anteil der Bevölkerung, der über nicht genügend Nahrung für ein aktives und gesundes Leben verfügt, von 23,3 % Anfang der 1990er Jahre auf heute nur noch 12,9 % vermindert. Dennoch sind verstärkte… mehr

  • Kampf gegen den Hunger: „Business Unusual“

    Eine neue globale Architektur zum Erreichen einer weltweiten Ernährungssicherheit ist erforderlich. Diese Auffassung äußerte Shenggen Fan Ende Juni 2010 gegenüber der UN-Nachrichtenagentur zu humanitären Fragen IRIN. Shenggen Fan ist Generaldirektor des „International Food Policy Research Institute“, einem Thinktank in den USA zu internationalen Ernährungsfragen. Der Ernährungsexperte hat im Juni… mehr

  • Kampf gegen den Hunger: „Business Unusual“

    Eine neue globale Architektur zum Erreichen einer weltweiten Ernährungssicherheit ist erforderlich. Diese Auffassung äußerte Shenggen Fan Ende Juni 2010 gegenüber der UN-Nachrichtenagentur zu humanitären Fragen IRIN. Shenggen Fan ist Generaldirektor des „International Food Policy Research Institute“, einem Thinktank in den USA zu internationalen Ernährungsfragen. Der Ernährungsexperte hat im Juni… mehr