Ziele für nachhaltige Entwicklung/Agenda 2030

Niemanden zurücklassen! UN-Bericht zu den nachhaltigen Entwicklungszielen 2016

Eine einfache Illustration: 8 Menschen in einer Reihe, der erste ist rot hervorgehoben

Noch immer lebt ein Achtel der Menschheit in extremer Armut. Illustration: UNStats

Eine einfache Illustration: 8 Menschen in einer Reihe, der erste ist rot hervorgehoben

Noch immer lebt ein Achtel der Menschheit in extremer Armut. Illustration: UNStats

Noch immer lebt einer von acht Menschen auf der Welt in extremer Armut. Das diagnostizieren die Vereinten Nationen in ihrem Bericht „The Sustainable Development Goals Report 2016“. Es ist der erste der zukünftig jährlich erscheinenden Berichte zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele, die bis 2030 verwirklicht werden sollen. Dieser erste Bericht gibt einen Überblick über den Istzustand der nachhaltigen Entwicklung auf globaler und regionaler Ebene.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon äußerte bei der Präsentation des Berichtes zu den nachhaltigen Entwicklungszielen: „Er liefert eine akkurate Evaluierung, wo die Welt heute im Blick auf die 17 Ziele steht, wobei die gegenwärtig verfügbaren Daten genutzt werden, um die größten Lücken und Herausforderungen deutlich sichtbar zu machen.“ Er fügte hinzu: „Wir sind auf dem Weg in eine gute Startphase.“ Ban Ki-moon rief die internationale Gemeinschaft auf, „nicht eher zu ruhen, bis wir eine Welt des Friedens, der Würde und der Möglichkeiten für alle verwirklicht haben“.

Armut und Hunger überwinden

Vom Erreichen des 1. Entwicklungsziels, Armut in jeder Form und überall zu beenden, ist die Weltgemeinschaft noch weit entfernt, auch wenn sich der Anteil derer, die in extremer Armut leben, von 2002 bis 2012 weltweit von 26 % auf 13 % vermindert hat. In Afrika südlich der Sahara leben weiterhin mehr als 40 % der Menschen in extremer Armut. 10 % der Erwachsenen auf der Welt, die einen Job haben, verdienen so wenig, dass sie und ihre Familien trotzdem in extremer Armut leben, unter den jungen Leuten beträgt dieser Anteil sogar 16 %.

Auch für die Verwirklichung des 2. Ziels, den Hunger zu beenden, eine Ernährungssicherheit zu erreichen und die nachhaltige Landwirtschaft zu fördern, ist noch viel zu leisten. Noch immer fehlt fast 800 Millionen Menschen eine ausreichende Ernährung, und mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Afrika südlich der Sahara litt 2015 unter Ernährungsunsicherheit. Weiterhin ist weltweit jedes vierte Kind unter fünf Jahren von chronischer Unterernährung betroffen, was sehr gravierende Folgen für die weitere Entwicklung dieser Kinder hat.

Gesundheit, Bildung und Geschlechtergerechtigkeit für alle  

Die Umsetzung des 3. Ziels, ein gesundes Leben und Wohlergehen für alle Menschen, erfordert auch noch große Anstrengungen. Zu den Erfolgen seit 1990 gehört die Verminderung der Müttersterblichkeit bei Geburten um 44 % und der Sterblichkeit von Kindern von der Geburt bis zum fünften Geburtstag um mehr als die Hälfte. Aber beide Werte sind, so der Bericht, weiterhin „inakzeptabel hoch“. Sie ließen sich durch eine Betreuung aller Mütter bei der Geburt und eine bessere Gesundheitsversorgung und Ernährung aller Kinder in den ersten Lebenswochen drastisch senken. Sorge bereitet, dass sich 2015 trotz aller Aufklärungs- und Präventionsprogramme weltweit 2,1 Millionen Menschen neu mit HIV infiziert haben.

Dem 4. Ziel, Bildung und lebenslanges Lernen für alle, sind viele Länder in den letzten Jahrzehnten deutlich näher gekommen. Aber immer noch besuchen 59 Millionen Kinder im Grundschulalter keine Schule, und die Bildungschancen von Mädchen sind vielerorts weiterhin deutlich schlechter als die von Jungen. Eine Folge dieser Defizite ist, dass etwa 757 Millionen Erwachsene nicht lesen und schreiben können, davon zwei Drittel Frauen. Armut bleibt dabei ein gravierendes Hindernis für den Zugang zu Bildung.

Der Umsetzung des 5. Ziels, der Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen, kommt die Staatengemeinschaft nur in kleinen Schritten näher. So sind erst 23 % aller Parlamentsmitglieder Frauen, ein Anteil, der in den letzten zehn Jahren nur um 6 % gestiegen ist. Als kleiner Lichtblick kann gelten, dass der Anteil der jungen Frauen, die vor ihrem 18. Geburtstag heiraten, seit 1990 von 32 auf 26 % abgenommen hat. Damit wächst in vielen Fällen ihre Chance, sich ihren Lebenspartner selbst zu wählen.

Trotz aller internationalen Bemühungen, die Genitalverstümmelung zu beenden, erleiden immer noch mehr als ein Drittel der jungen Frauen in den 30 am stärksten betroffenen Ländern diesen gefährlichen und in mehrfacher Hinsicht schädigenden Eingriff. Der Rückgang dieser Menschenrechtsverletzungen um mehr als ein Viertel in den letzten drei Jahrzehnten ist unzureichend.

Titelseite mit Link zur pdf-Datei
Der „Sustainable Development Goals Report 2016“ der Vereinten Nationen gibt einen Überblick, in welchem Umfang die nachhaltigen Entwicklungsziele zu Beginn der Umsetzungsphase bereits verwirklicht worden sind und wo die größten Defizite bestehen. Der Bericht wird so zum Referenzrahmen für die in Zukunft jährlich erscheinenden Fortschrittsberichte.

Wasser, Sanitärversorgung und Energie

Zu den bedeutenden Erfolgen des Engagements für die Millenniums-Entwicklungsziele gehört die signifikante Verbesserung der Wasserversorgung in vielen Ländern. Hatte im Jahre 2000 erst 82 % der Weltbevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser, so stieg dieser Wert bis 2015 auf 91 %. Die Verfügbarkeit von Wasser für alle bis 2030 in Entwicklungsziel 6 erscheint daher erreichbar. Schwieriger wird die ebenfalls angestrebte nachhaltige Nutzung des Wassers zu verwirklichen sein. Der Verschwendung der kostbaren Ressource in zahlreichen Ländern steht ein Wasserstress gegenüber, von dem laut Bericht gegenwärtig mehr als zwei Milliarden Menschen betroffen sind. Beunruhigen muss auch, dass immer noch 2,4 Milliarden Menschen über keine angemessene Sanitärversorgung verfügen.

Der Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und zeitgemäßer Energie für alle, wie er in Ziel 7 gefordert wird, erfordert ebenfalls große Anstrengungen. Zwar verfügten 2012 immerhin 85 % der Menschen über einen Zugang zu elektrischem Strom, aber oft wird er weder nachhaltig erzeugt, noch verlässlich geliefert. Der Anteil der erneuerbaren Energie an der Weltenergieerzeugung ist von 2000 bis 2012 lediglich von 17,4 auf 18,1 % gestiegen. Immerhin steigt der Anteil am Segment der elektrischen Energieerzeugung deutlich stärker. Sorge bereitet, dass weiterhin drei Milliarden Menschen auf umwelt- und gesundheitsschädliche Brennstoffe zum Kochen angewiesen sind.

Wirtschaftswachstum, Infrastruktur und Industrialisierung

Gefordert wird in Ziel 8 ein dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Seit der Jahrtausendwende wird global betrachtet nur ein Wirtschaftswachstum von 1 bis 1,8 % im Jahr erreicht, in Entwicklungsländern sind es etwa 4 %, ein Wert, der deutlich unter den Ergebnissen in den zurückliegenden Jahrzehnten liegt. In den am wenigsten entwickelten Ländern wurde in der Periode 2010 bis 2014 lediglich ein jährliches Wirtschaftswachstum von 2,6 % gemessen. Auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit gibt es weiterhin in allen Weltregionen große Defizite. So lassen sich die angestrebten Ziele von produktiver Vollbeschäftigung und menschenwürdiger Arbeit für alle bis 2030 schwerlich erreichen.

Wichtige Voraussetzungen für ein dauerhaftes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum sind, wie im 9. Ziel formuliert, eine belastbare Infrastruktur, eine nachhaltige Industrialisierung und Innovationen. In den am wenigsten entwickelten Ländern trägt das produzierende Gewerbe bisher weniger als 100 Dollar im Jahr zur Wertschöpfung pro Kopf der Bevölkerung bei, in Industrieländern sind es fast 5.000 Dollar. Ein deutlicher Ausbau der Infrastruktur von Straßen bis zu schnellen Internetverbindungen in den ärmsten Ländern gehört zu den Voraussetzungen, um diese Kluft zu vermindern. Erforderlich ist aber zum Beispiel auch eine große Steigerung der Forschungs- und Entwicklungsausgaben in den wenig entwickelten Ländern.

Zu den schwierigsten und konfliktreichsten Aufgaben wird es gehören, das 10. Ziel zu erreichen, die Ungleichheit innerhalb und zwischen den Staaten zu verringern – jedenfalls dann, wenn man substanzielle Veränderungen anstrebt. Immerhin hat sich in der Mehrzahl der Länder, aus denen Daten zur Einkommensverteilung vorliegen, das Einkommen der ärmsten 40 % der Bevölkerung von 2007 bis 2012 rascher erhöht als der Landesdurchschnitt. Betrachtet man die Daten zu den Einkommensunterschieden zwischen Männern und Frauen oder vergleicht die Entwicklung von Einkommen aus Lohnarbeit und Kapitalerträgen, wird deutlich, dass bis 2030 noch enorm viel zu verändern ist.

17 Ziele auf einer farbenfrohen Grafik mit kleinen Symbolen dargestellt
Bis 2013 sollen 17 nachhaltige Entwicklungsziele und zahlreiche Unterziele erreicht werden.

Stadteinwicklung, Konsum- und Produktionsmuster

Auf dem Weg, Städte und Siedlungen inklusiver, sicherer, widerstandsfähiger und nachhaltiger zu machen (Ziel 11), ist bisher schon Beachtliches geleistet worden. So hat sich der Anteil der Slumbewohner an der weltweiten urbanen Bevölkerung in der Zeit von 2000 bis 2014 deutlich vermindert, von 39 auf 30 %, und dies trotz eines raschen Wachstums der Städte gerade in ärmeren Ländern. Sorge bereitet laut UN-Bericht hingegen die hohe Schadstoffbelastung der Luft in vielen Städten der Welt.

Ziel 12 stellt die Frage nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster in den Mittelpunkt. Es wird im Bericht diagnostiziert, dass der „materielle Fußabdruck“, also der Verbrauch von Rohstoffen, in Industrieländern weit höher ist als in Entwicklungsländern. Er sinkt allerdings in den Industrieländern pro Einheit des Sozialprodukts als Folge einer höheren Effizienz der industriellen Produktion. Von nachhaltigem Konsum und nachhaltiger Produktion sind alle Länder noch weit entfernt.

Klimaschutz und die nachhaltige Nutzung von Meeren und Landökosystemen

Mit dem Ziel 13 werden umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen gefordert. Die Verabschiedung des Klimaabkommens bei der UN-Klimakonferenz im Dezember 2015 in Paris hat dafür eine wichtige Voraussetzung geschaffen. Nun kommt es auf eine rasche Ratifizierung des Abkommens und vor allem die Verwirklichung einer ambitionierten Klimaschutzpolitik an, zu der auch Programme zur Verminderung der Risiken durch die Folgen des Klimawandels gehören.

Beim Ziel 14 geht es um eine nachhaltige Entwicklung und Nutzung von Ozeanen, Meeren und Meeresressourcen. Die Überfischung und die Verschmutzung gehören zu den größten Gefahren für die Meere. Ebenso verändert die Erwärmung der Meere und Ozeane als Folge des Klimawandels die Ökosysteme gravierend. Dabei sind, wie der Bericht betont, die maritimen Ressourcen unverzichtbar für die Ernährung und das Überleben von Milliarden Menschen in Küstenregionen. Positiv wird festgestellt, dass sich die Fläche der geschützten Küsten- und Meeresgebiete weltweit seit dem Jahr 2000 vervierfacht hat.

Der Schutz und die nachhaltige Nutzung von Landökosystemen wie Wäldern stehen im Zentrum des Ziels 15. Angestrebt werden dabei u. a. eine Bekämpfung der Wüstenbildung, ein Stopp der Bodenverschlechterung und ein Ende des Verlustes an biologischer Vielfalt. Zwar hat sich der Nettoverlust von Waldgebieten weltweit betrachtet seit den 1990er Jahren mehr als halbiert, aber in vielen Weltregionen wird noch immer weit mehr Wald abgeholzt, als dies unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten akzeptabel wäre. Dies trägt wesentlich zum Artensterben bei.

Friedliche Gesellschaften und eine globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung

Angesichts zunehmender Gewalt in vielen Gesellschaften wird in Ziel 16 eine friedliche und inklusive Entwicklung gefordert, zu deren Grundlagen ein Zugang aller Menschen zur Justiz sowie wirksam arbeitende Institutionen gehören. In Entwicklungsländern werden gemessen an der Bevölkerungszahl doppelt so viel Menschen ermordet wie in Industrieländern. In der Karibik und in Lateinamerika ist das Risiko sogar vier Mal so hoch. Beunruhigend auch, dass 30 % aller in Haft lebenden Menschen auf der Welt nie vor einem Gericht gestanden haben und verurteilt wurden. Auch hier ist der Anteil in Entwicklungsländern besonders hoch.

Damit die nachhaltigen Entwicklungsziele in wirtschaftlich armen Ländern verwirklicht werden können, wird in Ziel 17 eine Verstärkung der Umsetzungsmittel und eine Neubelebung der Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung angemahnt. Erfreulich ist, dass das Gesamtvolumen der offiziellen Entwicklungsgelder 2015 ein Niveau von 131,6 Milliarden Dollar erreicht hat, real 6,9 % mehr als im Vorjahr. Aber von dem Ziel, 0,7 % des Sozialproduktes für Entwicklungsaufgaben zur Verfügung zu stellen, sind die meisten Industrieländer noch weit entfernt. Bedenklich auch, dass die Unterstützung für die am wenigsten entwickelten Länder stagniert.

Zwei ergänzende Berichte erschienen

Das „Overseas Development Institute“, der wichtigste unabhängige “think tank” zu Entwicklungsfragen in Großbritannien, hat zeitgleich zum UN-Bericht einen Bericht unter dem Titel „Leaving no one behind: A critical path for the first 1000 days of the Sustainable Development Goals” („Niemanden zurücklassen: Ein kritischer Weg für die ersten 1.000 Tage der nachhaltigen Entwicklungsziele“) veröffentlicht. Darin wird entfaltet, was von den Regierungen in aller Welt getan werden muss, um einen wirkungsvollen Start bei der Umsetzung der Entwicklungsziele zu erreichen.

Die „UN Development Group“ hat Erfahrungen in 16 Ländern bei ersten Konzepten und Initiativen zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele zusammengestellt. Der Bericht trägt den Titel „The Sustainable Development Goals are Coming to Life” („Die nachhaltigen Entwicklungsziele werden mit Leben gefüllt“).

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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