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„Nachhaltigkeits-Woche“ in Abu Dhabi: Auf dem Weg zur Energiewende im Nahen Osten

Auf einer riesigen Fläche stehen über 20 Reihen Solarmodule

Solarenergie bildet wie hier in Marokko ein zentrales Element einer nachhaltigen Energieerzeugung in Nordafrika und im Nahen Osten. Foto: Weltbank/Dana Smillie

„Nachhaltig erzeugte Energie bildet das Verbindungsglied von Wirtschaftswachstum, sozialem Ausgleich und den Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel.“ Das betonte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am 18. Januar 2015 bei der Eröffnung des „World Future Energy Summit“ in Abu Dhabi.

Er erinnerte bei diesem „Weltgipfel zur Zukunft der Energie“ an die Verabschiedung der Nachhaltigen Entwicklungsziele und des internationalen UN-Klimaabkommens im letzten Jahr. „Die Universalität dieser Vereinbarungen und ihr inklusiver Charakter haben uns einen klaren Weg vorwärts gewiesen. Jetzt ist es Zeit zu handeln.“

Ban Ki-moon und die Vertreterinnen und Vertreter von UN-Einrichtungen und -Programmen beteiligten sich auf diesem Hintergrund intensiv an der „Abu Dhabi Sustainable Week“ vom 18. bis 23. Januar in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Eingeladen zur „Nachhaltigkeits-Woche“ hatte die Regierung von Abu Dhabi. Mehr als 33.000 Politiker, Experten, Unternehmensvertreter und Wissenschaftler aus 170 Ländern beteiligten sich an einem breiten Spektrum von Veranstaltungen und Ausstellungen, wobei der Schwerpunkt auf dem Nahen Osten und Nordafrika lag.

Nachhaltigkeit ist ein existenziell wichtiges Thema für diese Region, weil der Klimawandel sich hier dramatisch auswirken wird. Im April 2015 hat die Weltbank die Studie „Turn Down the Heat“ veröffentlicht, die für diese Region ohne eine gemeinsame wirkungsvolle Klimaschutzpolitik einen Anstieg der Temperaturen um 4 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit prognostiziert. Das würde katastrophale Auswirkungen auf viele Lebensbereiche in einem ohnehin besonders heißen Teil der Welt haben.

Nachhaltige Energieerzeugung in Zeiten sinkender Ölpreise

Sinkende Rohölpreise auf dem Weltmarkt haben, so war im Messe- und Kongresszentrum von Abu Dhabi nicht zu übersehen, die Golfstaaten veranlasst, den Ausbau nachhaltiger Formen der Energieerzeugung und -nutzung in ihren Ländern voranzubringen. Die bisherige Energieverschwendung wird den Ländern zu teuer.

So verbraucht Saudi-Arabien bisher fast ein Drittel seines geförderten Öls im eigenen Land und hat damit bei einer Bevölkerung von knapp 13 Millionen Menschen den siebthöchsten Ölverbrauch auf der Welt. Bisher trägt erneuerbare Energie weniger als 1 % zur Energieerzeugung der Golfstaaten bei, und daran haben die Vereinigten Arabischen Emirate einen Anteil von etwa 70 %.

Eine vierspurige, stark befahrene Straße ist in einem dichten Dunst gehüllt
Die Zeiten, in denen der Öl- und Benzinverbrauch unbedenklich subventioniert wurde, gehen in der arabischen Welt zu Ende. Nicht nur die finanziellen, sondern auch die ökologischen Kosten einer solchen Politik sind hoch. Ein sichtbares Ergebnis ist die Luftverschmutzung in Städten wie Kairo. Foto: Weltbank/Kim Eun Yeul

Die sinkenden Öleinnahmen haben Saudi-Arabien veranlasst, die Ölsubventionen (2015 mehr als 50 Mrd. Euro) zu kürzen und den Benzinpreis deutlich zu erhöhen. Während der „Nachhaltigkeits-Woche“ veröffentlichte die „International Renewable Energy Agency“ (IRENA) mit Sitz in Abu Dhabi eine Untersuchung, aus der hervorgeht, dass die Golfstaaten bis 2030 insgesamt 87 Mrd. Dollar einsparen können, wenn sie ihren Plan verwirklichen, den Öl- und Gasverbrauch für die Energieerzeugung bis dahin um ein Viertel zu senken. Bis 2040, wurde auf dem Nachhaltigkeits-Treffen bekannt, will Saudi-Arabien 109 Milliarden Dollar investieren, die weitaus höchste Summe in der gesamten Region.

Bemerkenswert ist auch die Information, dass die Vereinigten Arabischen Emirate ein geplantes 1,8-Milliarden-Dollar-Kohlekraftwerk nun doch nicht bauen werden. Es passt nicht in eine Politik der nachhaltigen Energieerzeugung. Ägypten will bis 2030 einen Anteil der erneuerbaren Energieerzeugung von 30 % erreichen. Es sind solche Ankündigungen, die die Hoffnung auf ein entschlossenes Umsteuern wecken und Veranstaltungen wie die „Nachhaltigkeits-Woche“ zum Ausgangspunkt für eine Energiewende machen können.

Nachhaltigkeit hat viele Dimensionen

Die „Nachhaltigkeits-Woche“ in Abu Dhabi mit ihren zahlreichen Veranstaltungen bot die Gelegenheit, neben Energiefragen auch über ein breites Spektrum anderer Nachhaltigkeitsthemen zu diskutieren. Das Spektrum reichte von einem umsichtigen Umgang mit den Wasserressourcen bis zu einer umweltfreundlichen Müllverwertung.

Über 12 eher kleinerere Windkraftanlagen stehen eng in einer Reihe entlang einer schmalen Straße
Windkraftanlagen wie hier in Tunesien sind neben Solaranlagen ein unverzichtbares Element einer nachhaltigen Energieerzeugung. Foto: Weltbank

Ein Höhepunkt war das Treffen zur Vorbereitung der nächsten UN-Konferenz für eine nachhaltige Stadtentwicklung (Habitat III), die im Oktober 2016 in Quito/Ecuador stattfinden soll. Zu dem Vorbereitungstreffen hatten das Habitat-Sekretariat und die bereits erwähnte Internationale Agentur für erneuerbare Energie IRENA eingeladen. Das Treffen bot Ministern, Bürgermeistern, Wissenschaftlern, Unternehmern und Zivilgesellschaft unter anderem die Gelegenheit zum Austausch über den Übergang zu einer nachhaltigen Energieerzeugung in Städten.

Das „Second Blue Economy Summit“, das „Zweite Gipfeltreffen zur Blauen Wirtschaft”, stand unter dem Thema „Ein Ozean, Eine Zukunft“. Länder wie die Seychellen sind bemüht, mit dem Konzept der „Blue Economy“ die nachhaltigen Entwicklungsziele und die Ziele des Klimaabkommens von Paris durch eine Erhaltung und nachhaltige Nutzung der Ozeane und Meere miteinander zu verbinden. Dabei geht es u. a. um nachhaltige Formen der Fischerei. In Abu Dhabi wurde eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, in der Staaten, internationale Organisationen und geldgebene Stellen aufgefordert werden, auf eine koordinierte Weise das Konzept der „Blue Economy“ umzusetzen.

Die Konferenz „Women in Sustainability, Environment and Renewable Energy“ (Frauen für Nachhaltigkeit, Umwelt und Erneuerbarer Energie) ermöglichte es, Erfahrungen und Einsichten auszutauschen, wie Frauen dabei gestärkt werden können, die Zukunft der Welt nachhaltiger zu gestalten. Als ein Beispiel wurde bei der Veranstaltung dargestellt, dass staatliche Unternehmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten verpflichtet sind, Frauen in ihre Vorstände aufzunehmen.

Dr. Naval Al Hosani, Direktorin eines nationalen Nachhaltigkeitsprogramms in Abu Dhabi, berichtete über diese Initiative zur Frauenförderung: „Sie hat die Vereinigten Arabischen Emirate eine Pionierrolle bei der Stärkung von Frauen eingebracht. Und ich denke, dass dieser Schritt anderswo wiederholt werden wird, weil in Analysen, Studien und Forschungsarbeiten wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass Unternehmen mit mehr Frauen im Vorstand erfolgreicher sind.“

Breites Engagement von UN und Weltbank für eine nachhaltige Entwicklung

Eine größere Zahl von UN-Programmen und -Institutionen sowie die Weltbank tragen – so wurde in Abu Dhabi deutlich – mit zahlreichen Programmen dazu bei, Energieerzeugung und Wirtschaft der Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas nachhaltiger zu gestalten. Dabei geht es neben praktischen Programmen wie dem Bau von Solaranlagen auch darum, die Ministerien und andere staatliche Stellen zu befähigen, auf eine wirksamere Weise eine nachhaltige Politik zu planen und umzusetzen. Hier einige Beispiele für dieses UN-Engagement:

Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP leistet einen Beitrag zur Verbesserung der Energieversorgung im kriegszerstörten Gazastreifen. Dafür werden Solarpanele auf Schulen, Krankenhäusern und Wasserwerken installiert. Sie ermöglichen eine Weiterarbeit, wenn es zu einem der häufig auftretenden Stromausfälle kommt. UNDP will mit diesem Vorhaben auch daran mitwirken, bis 2020 den Anteil der Solarenergie an der Stromerzeugung im Gazastreifen auf 30 % zu erhöhen.

Auf einerm Dach arbeiten zwei Männer an einer Solaranlage, die großflächig auf dem Dach befestigt wird
Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP unterstützt die Installation von Solaranlagen im Gazastreifen. Besonders wichtig sind sie angesichts der häufigen Stromausfälle auf den Dächern von Krankenhäusern, Schulen und Wasserwerken. Foto: UNDP

In Jordanien trägt die Weltbank zu einer Erhöhung der Effizienz der staatlichen Planungs- und Umsetzungsprozesse auf dem Weg zu nachhaltigen Wasser- und Energiesektoren bei. Nur auf dieser Grundlage wird es dem Staat möglich sein, gemeinsam mit dem Privatsektor nachhaltige Formen der Energieerzeugung zu stärken, die Energieeffizienz deutlich zu erhöhen und umsichtig mit den sehr knappen Wasserressourcen des Landes umzugehen.

In Marokko fördert die Weltbank den Aufbau einer einheimischen Solarindustrie. Drei Betriebe sollen im verarmten Südosten des Landes entstehen, dort Arbeitsplätze schaffen und zugleich dazu beitragen, dass bis 2020 einen Solaranteil von 14 % an der nationalen Energieerzeugung erreicht wird.

Die UN-Industrieorganisation UNIDO unterstützt seit dem letzten Jahr den Aufbau einer Solarindustrie in Ägypten und fördert parallel den Einsatz von Solarstrom in der Industrie. Das ist nicht nur ein Beitrag zur Klimapolitik, sondern ermöglicht auch den Betrieben, ihre Arbeit bei den häufigen Stromausfällen fortzuführen. Das Vorhaben ist Teil einer gemeinsamen Initiative mit der ägyptischen Regierung, den Industriesektor nachhaltiger zu gestalten und dafür zum Beispiel auch eine wesentlich höhere Energieeffizienz zu erreichen.

Nachhaltigkeit zahlt sich aus

Der stark gesunkene Ölpreis zwingt die Golfstaaten zum Umdenken in Energie- und Umweltfragen. Die Zeiten umbesorgter Verschwendung gehen zu Ende. Nun ist eine entschlossene Politik des Übergangs zu nachhaltiger Energieerzeugung, Energieverbrauch und Umgang mit Ressourcen gefragt.

In dieser Situation ist es bedauerlich, dass Abu Dhabi die Bauarbeiten an seiner ökologischen Musterstadt Masdar City, die in der „Nachhaltigkeits-Woche“ eine wichtige Rolle spielte, nur auf Sparflamme fortführt und an Investitionsmitteln spart. Für Abu Dhabi – wie für die anderen Länder der Region – sind ein nachhaltiges Engagement für klima- und umweltfreundliche Vorhaben und entschlossene Maßnahmen zur Reduzierung von Energieverschwendung, Klimaschädigung und Umweltzerstörung unverzichtbar.

Ki-moon steht im gleißendem Sonnenlicht vor einer gewölbten Solaranlage
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon engagiert sich für erneuerbare Energie als Beitrag zu Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung. Hier sehen wir ihn bei der Besichtigung einer Solaranlage in Abu Dhabi. Foto: UN Photo/Eskinder Debebe

Die UN-Organisationen und -Programme können mit ihren vielfältigen Erfahrungen auf Gebieten wie erneuerbarer Energie, Energieeffizienz und umsichtigem Umgang mit Wasser die Länder der Arabischen Halbinsel und Nordafrikas dabei unterstützen, die Nachhaltigkeit ins Zentrum ihrer Energie- und Investitionspolitik zu stellen. Es gibt viele Erfolg versprechende Ansätze dafür, auf denen dabei aufgebaut werden kann. Dass die Vereinigten Arabischen Emirate während der „Nachhaltigkeits-Woche“ eine UN-Initiative aufgegriffen und einen „Green Economy Report“ veröffentlicht haben, der eine Strategie des Übergangs zu einer „Grünen Wirtschaft“ entfaltet, weckt Hoffnungen.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

 

 

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