Entwicklungspolitik Menschliche Sicherheit

Kyangwali: Wenig bekannte Integrationsarbeit für Flüchtlinge

Links steht ein Mann in einer Uniform. Neben ihm steht der Reporter Eric Seguenda in einem roten T-Shirt

Reporter Eric Segueda mit einem ugandischen Soldaten kurz vor der Grenze zum Kongo. Foto: Eric Segueda

Wenn man von Dadaab redet, braucht man nicht lange zu erklären, wovon man spricht. Dagegen sind andere Flüchtlingslager in der Region kaum über ihre Landesgrenzen hinaus bekannt. Kyangwali ist eine der größeren Flüchtlingssiedlungen im Westen Ugandas, an der Grenze zum Kongo. Über 33 000 Flüchtlinge leben dort. Sie kommen überwiegend aus dem Kongo, dem Sudan und Somalia. Über die Probleme mit Trinkwasser und Gesundheitsversorgung hinweg, kämpfen die Vertriebenen darum, sich längerfristige Perspektiven aufzubauen. Eine Erkundung in der Flüchtlingssiedlung in Kyangwali.

Die unzähligen Zelte von Dadaab kann man schon aus der Luft erkennen, die Bilder sind bekannt. Kyangwali ist dagegen von Wald umschlungen, und ist weder aus der Luft noch auf den ersten Blick am Boden als Flüchtlingslager erkennbar. Die Siedlung ist zwar mit ungefähr 93 Quadratkilometern recht groß, etwa so groß wie das Stadtgebiet von Mainz. Aber sie ist weitläufig angelegt und befindet sich noch im Entstehen. Kyangwali ist eine von sieben Flüchtlingssiedlungen in Uganda, die Flüchtlingen eine längerfristige Perspektive bieten möchten. Die Vertriebenen erhalten ein Grundstück für ihre Häuser sowie ein Stück Boden zum Anbauen. Viele Organisationen helfen mit Baumaterialien und Beratung.

Seit 2004 errichtet die ugandische Behörde solche Flüchtlingssiedlungen. Die Menschen entscheiden freiwillig, ob sie die provisorischen Lager verlassen und sich in Siedlungen wie Kyangwali niederlassen möchten. Viele entscheiden sich für die Umsiedlung, um sich wieder eine eigene Existenz aufzubauen. Andere bleiben lieber in den Lagern, mit der Hoffnung, dass die Konflikte in ihrem Land bald zu Ende gehen und sie in ihre Heimat zurückkehren können.

Mehrere strohgedeckte Holzhütten in einer Buschlandschaft
Die tausende von Zelten und Unterkünften sind dem hügeligen und bewaldeten Gelände nicht anzusehen. Foto: Eric Segueda

Flüchtlingssiedlung statt Lager

Die Einrichtung von Lagern wie Kyangwali soll nicht nur den Flüchtlingen ein besseres Leben ermöglichen. Lokale Journalisten gehen davon aus, dass dieses Konzept auch den ugandischen Staat erleichtert. Denn die Flüchtlinge können in den Siedlungen teilweise für sich selbst sorgen. Sie sind wirtschaftlich unabhängiger und nicht mehr auf staatliche Hilfen angewiesen. Interviewanfragen dazu wollten die ugandische Behörde jedoch nicht beantworten. Irene lebt seit ihrer Flucht aus Mbingba im Ostkongo vor drei Monaten mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern in Kyangwali. „Es ist besser in der Siedlung zu leben, denn man ist freier und aktiver. Hier kann man beispielsweise selbst Nahrung anbauen und verkaufen“.

Frauen in traditionellen afrikanischen Gewändern verputzen ein Haus
Frauen verputzen ein neu errichtetes Haus. Foto: Eric Segueda

Flüchtlinge in ihrem eigenen Land

Irene lebt in dem Viertel Kentomi. Hier ist viel los: Bereits am Eingang von Kentomi bauen viele Menschen emsig an ihren Häusern. „Die Organisationen, die Kyangwali unterstützen, spenden Baumaterialen, die Männer errichten das Haus, und die Frauen verputzen die Fassade“, beeilt sich ein Flüchtling beim Fotoshooting zu erzählen. Damit will er erklären, dass gerade nur Frauen bei der Arbeit zu sehen sind. Kentomi – die Flüchtlinge ziehen gerade aus den Zelten in normale Häuser, und bauen so allmählich ihre Existenz in Uganda neu auf.

Bis vor vier Jahren hätte Irene nicht gedacht, dass sie einmal als Flüchtling in ihrem Geburtsland leben würde. Sie kommt ursprünglich aus Masindi, einer Stadt auch in Westuganda. Als Irene einen kongolesischen Mann heiratete, zog sie mit ihm in den Kongo. In dem Dorf, wo sie lebte, war die Lage relativ sicher. Doch vor knapp drei Monaten fanden auch dort Gefechte statt und zwangen die Familie zur Flucht. „Den Geruch der Patronen rieche ich immer noch, ich kann ihn nicht vergessen“ erzählt Irene.

Als Ehefrau eines Kongolesen gehört Irene nun zu seiner Familie, und ist nicht länger Uganderin. Sie lebt nun deshalb als Flüchtling in Kyangwali, nicht weit von ihrer Geburtstadt entfernt. Irene sieht älter aus, als ihre 30 Jahre vermuten lassen. Tiefe Falten sind in ihr Gesicht gegraben. Die Flucht nach Uganda musste sie mit ihrer Familie in einer mühseligen Odyssee zu Fuß bestreiten. Hier in der Siedlung ist ihr Alltag immer der gleiche: Früh aufstehen, Wasser schöpfen, Frühstück für die Kinder vorbereiten. Dann geht sie arbeiten.

Eine Frau kniet in einem Acker und sät Saatgut in einer Furche aus. Rechts von ihr steht eine Gruppe Männer und beobachtet sie dabei.
Auch ohne Geräte kann man das Saatgut in Linie säen: Training mit Irene. Foto: Eric Segueda

Mehr Perspektiven und Freiheit als im Flüchtlingslager

Wie viele der Menschen, die nun in Kyangwali leben, ist Irene glücklich, dass sie hier gelandet ist, und nicht in einer überfüllten Zeltstadt. In Kyangwali sind viele auf Feldern beschäftigt, andere bewirtschaften ihr eigenes Gartengrundstück und bauen Gemüse an. Aber es gibt auch solche wie Irene, die einen Job ausüben. „Ich arbeite hier als sogenannte extension worker im Agrarbereich für die Welthungerhilfe“. In Zusammenarbeit mit der lokalen Organisation Action Africa Uganda unterstützt die deutsche Organisation die Flüchtlinge beim Wiederaufbau ihrer Existenz. Dabei nutzen sie das Know-How der Flüchtlinge.

Irene ist bis zur 11. Klasse zur Schule gegangen. In einer Region, in der nur 25 Prozent der Schüler die Grundschule beenden, verfügt sie damit über einen wichtigen Bildungshintergrund. Als extension worker hilft sie den ausgebildeten Agrarberatern der Welthungerhilfe bei ihrer Arbeit. „Die natürlichen Bedingungen sind zwar gut, denn es regnet genug. Aber es gibt Kriterien, die die Produktivität beeinflussen, zum Beispiel beim Säen“, sagt Irene.

Sie hilft bei der Verteilung von Saatgut, und erklärt den anderen Flüchtlingen, wie sie besser und effektiver anbauen können. „Für den Anbau von bestimmten Gemüsen, wie Zwiebeln, muss genau beachtet werden, wann wie viel bewässert werden muss. Und das sind Dinge, die wir ihnen beibringen“, so Irene weiter. Heute sind acht Männer dabei, mit Irene Saatgut einzupflanzen. „Es gibt viel Obstbäume, und der Boden ist verhältnismäßig fruchtbar“, so einer der Teilnehmer. Da die Natur in dieser Region sehr großzügig ist, gibt es gute Grundvoraussetzungen für die Landwirtschaft. „Wir bauen Nahrungsmittel für unseren eigenen Bedarf an, den Rest verkaufen wir auf dem Markt“, berichtet ein anderer Teilnehmer. „So bauen wir allmählich ein neues Leben auf. In einem normalen Flüchtlingslager ist so etwas nicht möglich.“

Man sieht einen weißen Tanklaster mit der Aufschrift "WATER TANK, unicef"
Internationale Organisationen beliefern die Flüchtlingssiedlung mit Wasser in großen Lastern. Foto: Eric Segueda

Zurück nach Hause

Die Bewohner der Siedlung sind auch froh, dass jedes Viertel in Kyangwali mindestens eine Schule hat. Irene bemängelt aber, dass es nicht genügend Krankenstationen gibt. „Mein Kind war krank und ich musste einen langen Weg laufen bis zum nächsten Arzt“. Sie wolle aber keine Nestbeschmutzerin sein. „Es ist schon viel, was die Organisationen für uns machen. Aber noch gibt es viel zu tun“. So gebe es viele junge Frauen in der Siedlung, aber Entbindungsstationen fehlen.

In dem Bericht „Uganda Emergency Update“ von November 2013 berichtet das UN- Flüchtlingshilfswerk von Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung. Laster, die die Flüchtlingssiedlung beliefern können, gebe es genügend. Der schlechte Zustand der Pisten innerhalb der Siedlung sei aber ein Hindernis, das Wasser rechtzeitig und flächendeckend zur Verfügung zu stellen. Weitere Brunnen in der Siedlung sind in Planung, aber noch gibt es nicht genügend. Das UNHCR berichtet außerdem von Fällen häuslicher Gewalt, und fordert die Organisationen auf, Sensibilisierungsmaßnahmen zu ergreifen.

Irene kennt keine häusliche Gewalt. „Mein Mann und ich leben gut zusammen“. Auch wenn das Leben in der Flüchtlingssiedlung ihr wieder Perspektiven bietet, möchte sie wieder in den Kongo zurück. Sie wünscht sich deshalb, dass es im Kongo bald Frieden gibt. Angaben der im Kongo stationierten UN-Friedentruppe MONUSCO verlassen immer mehr Rebellen die Milizen. Alleine im November seien mehr als 1000 Rebellen wieder in die kongolesische Armee eingetreten. Sollte es so weiter gehen, ist die Hoffnung für Irene groß, bald in ihr Dorf zurückzukehren.

Eric Segueda

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