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Erdbebenkatastrophe in Nepal: Ein schönes Land, von den Göttern verlassen?

Eine Nepalesin steht nach dem Erdbeben vor einem zerstörten Haus

Die Erdbeben in Nepal haben viele Menschen ihre Existenz gekostet. Foto: Shrestha/dpa Picture Alliance

Mitte April 2015 fand im Kathmandutal der feierliche Umzug des Gottes Machendranath von Patan nach Bungamati statt. Er steht für gutes Wetter, reiche Ernte und generell für Wohlbefinden. Auch sein Tempel ist nun zerstört. Es ist, als hätten die bunten Götter Nepals das Land verlassen.

Das doppelte Erdbeben in Nepal am 25. April und am 12. Mai 2015 trifft ein ohnehin stark benachteiligtes Land. Nepal gehört mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 730 US-Dollar zu den ärmsten Ländern der Welt. Ein Viertel der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze. Mehr als 1000 junge Menschen verlassen täglich auf der Suche nach Arbeit und Einkommen das Land: geschätzte zwei Millionen Männer und Frauen arbeiten unter meist menschenunwürdigen Bedingungen in Indien, Malaysia oder in den Golf-Ländern. In den Dörfern, die vom Erdbeben heimgesucht wurden, fehlen die jungen Menschen – manche kehren nun Heim, um ihre Verwandten zu bestatten, die Überlebenden zu unterstützen, die zerstörten Hütten wieder aufzubauen, und auf den winzigen Feldern neuen Reis auszusäen.

Hintergründe

Von 1996 bis 2006 herrschte in Nepal ein brutaler Bürgerkrieg, bei dem 18 000 Menschen ihr Leben verloren. Der Friedensprozess sah zunächst vielversprechend aus – Nepal wurde eine säkulare Republik, die diktatorische Monarchie und der eliten-gesteuerte Hinduismus wurden entmachtet. Die  Soldaten der maoistischen Armee wurden in die nationalen Streitkräfte übernommen oder mit Abfindungen entlassen. Freie Wahlen schufen ein repräsentatives Parlament und eine Übergangsregierung. Es begannen die komplizierten Verhandlungen über eine neue Verfassung. Sie soll die Interessen der Frauen, aller Kasten, aller ethnischen Gruppen und der religiösen Minderheiten gleichberechtigt repräsentieren. Sozialpolitisch gab es viele Neuerungen, wie z.B. ein neu verbrieftes Recht auf kostenlose Grundgesundheitsversorgung und Schulbildung für alle bis zur Mittelschule, flankiert von einem Schulspeisungsprogramm für alle Kinder an öffentlichen Schulen. Es gibt – kleine - Sozialhilfetransfers an Senioren, Witwen, Kinder, Menschen mit Behinderungen und für benachteiligte Gruppen wie die ausgegrenzte Kaste der Dalit. In den ärmsten Distrikten im Westen des Landes wurden Arbeitsbeschaffungsprogramme eingeführt. Das Kathmandutal und die umliegenden Distrikte erlebten einen wirtschaftlichen Aufschwung und einen Bauboom, mit neuen Einkaufszentren, Straßenerweiterungen und modernen Appartements für die Mittelschicht.

Aber ein Gesellschaftssystem, das in einer vererbten Kastenhierarchie verfangen ist und seit Jahrhunderten Frauen und Mädchen bewusst unterdrückt, tut sich schwer, neue Strukturen zu schaffen. Die alten Eliten sind im Kabinett nach wie vor an der Macht. Der Vorwurf ist nun, dass in den Jahren seit dem Friedensschluss  zu wenig Augenmerk auf Katastrophenschutz und -vorsorge gerichtet war, weil die drei großen Parteien in ideologische Auseinandersetzungen und parteipolitische Machtkämpfe verstickt sind. Das stimmt, aber nur zum Teil. Seit 2007 wurde durchaus in die Erdbebensicherheit und in die Aufklärung investiert. Aber sehr altes Gemäuer konnte nicht erdbebensicher nachgerüstet werden; auch wurden bei Neubauten Bauvorschriften unterlaufen. Und die Wucht eines Erdbebens vermag sich vorher selbst der kompetenteste Geowissenschaftler nicht wirklich ausmalen.

Die verschiedenen Cluster der UN-Nothilfe

Herausforderungen der Katastrophenhilfe

Eine Katastrophe vom Ausmaß des ersten Erdbebens, bei dem über 8000 Menschen umkamen und mindestens 17 000 verletzt wurden und an die acht Millionen Menschen ihre Unterkunft und Lebensgrundlage verloren, würde auch eine gut-finanzierte und technisch hoch ausgerüstete Regierung im ersten Moment überfordern. Das zweite Erdbeben tötete bislang 200 Menschen, brachte weitere Gebäude zum Einsturz, auch die Ministerien sind nun teilweise in Zelten untergebracht. Deswegen ist die Rolle der Vereinten Nationen in der globalen Katastrophenhilfe so wichtig.

Die nächsten Schritte

Schnell muss mit dem Wiederaufbau begonnen werden. Da wird im Vordergrund stehen, dass neue Erwerbsmöglichkeiten entstehen und dass die Betroffenen Sozialhilfe bekommen. Dazu arbeitet das nepalesische Arbeitsministerium mit der ILO und anderen UN-Organisationen an einem Cash-for-work-Programm. UNICEF, die Plankommission und die Ministerien für Soziales und für kommunale Entwicklung planen eine Aufstockung der Sozialhilfetransfers. Insbesondere ist angedacht, das monatliche Kindergeld, auf das bisher alle Familien in den ärmsten Distrikten des Landes Anspruch hatten, rasch auf die vom Erdbeben betroffenen Regionen auszuweiten. Zunächst würde dieses Kindergeld aus den internationalen Nothilfegeldern gedeckt, um dann im Laufe des Jahres vom Staatshaushalt finanziert zu werden. Damit soll sichergestellt werden, dass es ein Recht wird und nicht eine befristete Einmal-Maßnahme bleibt. Die eine Million Kinder, deren Schulen zerstört wurden, brauchen Behelfsklassenzimmer, damit das Lernen weitergeht, aber auch damit sie über die Traumata des Erdbebens sprechen und psychologisch betreut werden können. Daran arbeiten UNICEF und das Bildungsministerium.

Frauen sind bei Naturkatastrophen immer besonderen Risiken ausgesetzt. Sie sind vielfach in Zelten untergebracht und werden schnell Opfer von sexuellen Übergriffen. Derzeit sind über 120 000 Frauen in Nepal schwanger, von denen viele obdachlos sind. Sie unterstützt insbesondere der UNFPA, mit Gesundheitsberatung und mit dringend gebrauchten Hygienesets. Mittelfristig werden auch die Baudenkmäler in irgendeiner Weise wiederhergestellt werden müssen, dazu beraten die UNESCO und das Kulturministerium.

Ausgewählte Hilfsorganisationen und ihre Tätigkeitsfelder

 

OCHA - Koordination der UN-Nothilfe

Central Emergency Response Fund - Globaler Nothilfe-Fond der UN

UNICEF - Kinder, Frauen

World Food Programme - Nahrungsmittel

UNHCR - Notunterkünfte

Wie kann man in Deutschland seine Solidarität mit Nepal ausdrücken?

Zu spenden ist eine finanzielle Frage, vor allem aber eine emotionale. Die Empfänger sind keine Bittsteller und haben ein Recht, Unterstützung zu bekommen. Man liest Berichte über Mittelschichtfamilien, deren Haus in Trümmern liegt, die Angehörige verloren haben und nun völlig verstört unter eine Zeltplane leben. Und man weiß um die Situation der ethnischen Minderheiten und der Dalit, die es schwerer als andere haben werden, gleichberechtigt an Hilfsgüter, Wiederaufbauarbeitsprogramme und Kredite heranzukommen. Es ist wichtig, dass die Unterstützungsmaßnahmen transparent und gerecht sind und immer die Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit achten.

Auch für die Spender ist das Spenden emotional. Man möchte, dass das Geld bei den Betroffenen schnell und „unbürokratisch“ ankommt – aber ein gewisses Maß an Bürokratie – also an Verwaltung – ist nötig, um sicherzustellen, dass die Hilfsgüter und Dienstleistungen gerecht verteilt werden. Als Hilfestellung führt die nebenstehende Liste einige ausgewählte UN-Organisationen auf, die in der Erdbebenhilfe in Nepal aktiv sind, und benennt ihre Hauptarbeitsfelder. Wer private Kontakte nach Nepal hat, spendet vielleicht lieber direkt an diese. Gelder, die auf neu gegründete Konten überwiesen werden, gehen in den zentralen Fonds des Premierministers ein; etablierte NGOs sind davon nicht tangiert. Spenden ist eine Art zu helfen. Eine andere ist es, wenn das Gröbste vorbei ist, Nepal als Tourist zu besuchen. Dazu fordert der Journalist und Umweltschützer Kunda Dixit auf. Auch wenn es scheint, als hätten die Götter Nepal verlassen, die Menschen geben nicht auf und blicken voller Hoffnung auf ihr schönes Land und seinen Wiederaufbau.

 

Gabriele Köhler, Mitglied des Vorstands der DGVN und Senior Research Associate bei UNRISD. Sie war von 2005 bis 2009 Regionalberaterin bei UNICEF Südasien, mit Sitz in Kathmandu.

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