Neuerscheinungen Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung (SDG 8)

Einkommensschere als Entwicklungsbremse

Die zunehmend ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Welt ist keine unvermeidliche Begleiterscheinung der Globalisierung. Der neue Jahresbericht der Konferenz der Vereinten Nationen zu Handel und Entwicklung (UNCTAD) weist darauf hin, dass Regierungen die Einkommensungleichheit durch eine geeignete Politik sehr wohl in Grenzen halten und sogar verringern können – und sollten. Denn eine Konzentration des Volkseinkommens in den oberen Einkommensschichten sei nicht nur sozial unausgewogen, sondern wirke sich auch nachteilig auf das Entwicklungspotenzial der Volkswirtschaften aus. Erhöht sich dagegen das Einkommen der unteren und mittleren Einkommensschichten, so stärkt das die Nachfrage, denn ein großer Teil des zusätzlichen Einkommens fließt in den Konsum.

Der heute veröffentlichte UNCTAD-Jahresbericht 2012 mit dem Titel "Wirtschaftspolitik für sozial ausgewogenes und stabiles Wachstum" ("Policies for inclusive and balanced growth") macht deutlich, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten das Einkommensgefälle sowohl zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern als auch innerhalb der meisten Länder zugenommen hat.

Warum die Einkommensschere sich öffnet

In Entwicklungs- und Übergangsländern wurden die Verteilungswirkungen der Globalisierung und des technologischen Wandels wesentlich durch sich verändernde Produktionsstrukturen bestimmt. Wenn Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft in produktivere Bereiche der verarbeitenden Industrie abwandern, bringt dies oft zunehmende Einkommensdisparitäten mit sich.

In den entwickelten Volkswirtschaften ist die wachsende Ungleichheit zum Teil auf veränderte Unternehmensstrategien zurückzuführen. Statt produktivitätsfördernde Investitionen zu tätigen, gingen viele große Unternehmen dazu über, die Löhne und Gehälter zu drücken oder ihre Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern. Gewinnsteigerungen kamen den Aktionären zugute oder wurden für Aktienrückkäufe verwendet.

Kontraproduktive Sparpolitik

Der UNCTAD-Bericht warnt davor, dass staatliche Sparpolitik zu einer weiteren Verlangsamung des Wachstums beiträgt. Diese Politik hat nicht wie erhofft das Geschäftsklima verbessert und das Vertrauen in die Finanzmärkte gestärkt, sondern hat den Pessimismus der privaten Haushalte und Unternehmen noch verstärkt. Die Investitionsbereitschaft ist gesunken und es werden weniger neue Arbeitskräfte eingestellt. Gleichzeitig wird das Ziel verfehlt, die staatlichen Haushaltsdefizite zu verringern.

Nach Auffassung der UNCTAD-Ökonomen liegt der Sparpolitik eine Fehlinterpretation der Ursachen der Krise zugrunde. Die zunehmenden Haushaltsdefizite seien nicht Ursache, sondern Folge der Krise. Beim Stopfen von Haushaltslöchern würden die negativen Auswirkungen nachfragebremsender Maßnahmen übersehen. Doch stocke das Wachstum, würden auch die Hoffnungen auf mehr Steuereinnahmen und eine Konsolidierung der Staatshaushalte enttäuscht. Die UNCTAD-Ökonomen rechnen nicht mit einem echten Aufschwung, solange es nicht zu einer erheblichen Steigerung der unteren und mittleren Einkommen kommt. Neben strukturellen Reformen sei dafür eine wirksame Konjunkturpolitik nötig.

Maßnahmen zur Verringerung von Einkommensunterschieden

Um Einkommensdisparitäten zu verringern und die volkswirtschaftliche Effizienz und das Wachstum zu stärken sind laut UNCTAD eine Reihe von Maßnahmen geeignet: die stärkere und progressive Besteuerung von Vermögen und hohen Einkommen, verbesserte staatliche Sozialleistungen, die Einführung und regelmäßige Anpassung von Mindestlöhnen, die Schaffung produktiver Beschäftigung durch öffentliche Arbeitgeber sowie Maßnahmen zur Erhöhung der Einkommen aus der Landwirtschaft. Entwicklungsländer sollten verstärkt öffentliche Güter und Dienstleistungen bereitstellen, die vor allem unteren Einkommensschichten zugute kommen. Rohstoffreichen Ländern empfiehlt der Bericht, die gesamte Bevölkerung in stärkerem Maße am Rohstoffreichtum teilhaben zu lassen. Auch sollte die Besteuerung der oft sehr hohen Gewinne ausländischer Investoren überprüft werden.

Nach Auffassung der Autoren des UNCTAD-Berichts muss sich eine höhere und progressivere Besteuerung auf das ökonomische Anreizsystem nicht negativ auswirken. Hohe Einkommen aus spekulativen und anderweitig gesamtwirtschaftlich unproduktiven Aktivitäten könnten erheblich stärker besteuert werden als Einkommen aus unternehmerischer Tätigkeit oder Arbeitsleistung, die zu einer Steigerung des realen Sozialprodukts und damit zur Erhöhung des gesellschaftlichen Wohlstandes beitragen.

Für eine antizyklische Wirtschaftspolitik

Der UNCTAD-Bericht weist darauf hin, dass Strukturreformen kein Ersatz für konjunkturstützende Maßnahmen sind. Die Regierungen zahlreicher Entwicklungsländer hätten die einheimische Nachfrage erfolgreich mit antizyklischen wirtschaftpolitischen Maßnahmen stabilisiert. Für die Entwicklungs- und Übergangsländer wird 2012 − trotz Abschwächung gegenüber den vergangenen Jahren − mit fünf bzw. vier Prozent ein stärkeres Wachstum erwartet als in den Industrieländern.

Dank der nach wie vor relativ starken Expansion einiger großer aufstrebender Volkswirtschaften sind die Entwicklungsländer insgesamt heute etwas weniger abhängig von den Entwicklungen in den Industrieländern als früher. So gingen der UNCTAD zufolge etwa 74 Prozent des Wachstums der Weltwirtschaft zwischen 2006 und 2012 auf das Konto der Entwicklungsländer und nur 22 Prozent auf das der Industrieländer. In den 1980er und 90er Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt.

Um die Ursachen der Krise anzugehen, ist eine Reform des Finanzsystems ebenso dringend wie Maßnahmen, die der Öffnung der Einkommensschere entgegenwirken, heißt es in dem Bericht. Eine inklusive Entwicklung erfordere eine aktive Arbeitsmarkt- und Verteilungspolitik sowie eine unterstützende Wirtschafts-, Wechselkurs- und Strukturpolitik, die produktive Investitionen fördert und menschenwürdige Arbeitsplätze schafft. Eine bessere Einkommensverteilung stärke die Nachfrage, Investitionen und Wachstum. Daraus wiederum entstünden mehr Arbeitsplätze, auch in hochproduktiven Bereichen, die eine bessere Bezahlung und bessere Sozialleistungen bieten, und damit ließen sich schließlich auch die Einkommensdisparitäten verringen.

Der jährlich erscheinende Trade and Development Report (TDR), der vom Sekretariat der Konferenz für Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCTAD) in Genf erstellt wird, gilt als einer der wichtigsten periodischen Berichte zur Lage der Weltwirtschaft. Er betrachtet insbesondere die Rückwirkungen weltwirtschaftlicher Entwicklungen auf die Entwicklungs- und Schwellenländer.

Weitere Informationen:

UNCTAD Trade and Development Report 2012

DGVN-Basisinformation UNCTAD

UNCTAD-Artikel auf DGVN-Themenschwerpunkt "Weltwirtschaft, Handel und Entwicklung"

UNCTAD in Zeitschrift Vereinte Nationen (von Konrad Melchers, S. 56)

Finanzierung der UNCTAD

Der Trade and Development Report 2012 kann zum Preis von € 44,58 beim UNO-Verlag bezogen werden.

Christina Kamp

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