Neuerscheinungen Entwicklungspolitik

Der beeindruckende Aufstieg des Südens

Bild: UNDP/DGVN

Die Welt erlebt derzeit eine längst überfällige globale Neuausrichtung und Neugewichtung. Durch den "Aufstieg des Südens" wird die Dominanz Europas und Nordamerikas über den Rest der Welt zurechtgerückt – und das in einem enormen Tempo. Der neue Bericht über die menschliche Entwicklung 2013 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) beleuchtet die Prozesse, die dazu geführt haben, und stellt neue politische Konzepte und Institutionen vor, die den Realitäten des 21. Jahrhunderts besser Rechnung tragen. Die deutsche Fassung des Berichts wurde heute von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) in Berlin präsentiert.

Der diesjährige "Human Development Report" (HDR) macht spannende Verschiebungen im globalen Machtgefüge deutlich. Unter dem Titel "Der Aufstieg des Südens: Menschlicher Fortschritt in einer ungleichen Welt" zeigt der Bericht, dass der Aufstieg des Südens ein Ergebnis von Investitionen in die menschliche Entwicklung ist.

Nach den Daten des Berichts ist der Anteil der weltweit in extremer Einkommensarmut lebenden Menschen zwischen 1990 und 2008 von 43 auf 22 Prozent gesunken. Allein in China haben über 500 Millionen Menschen die Armutsschwelle überschritten. Damit werde die Welt bis 2015 eines der Millenniums-Entwicklungsziele erreichen: die Halbierung des Anteils der Menschen, die mit weniger als 1,25 US-Dollar am Tag auskommen müssen.

Inge Kaul, DGVN-Präsidiumsmitglied und ehemalige Direktorin des Büros für den Bericht über die menschliche Entwicklung (HDRO), betonte anlässlich der Präsentation in Berlin vor allem die enormen Chancen, die der Aufstieg des Südens dem Norden bietet. Eine gesunde, wohlregulierte Konkurrenz in den Märkten tue dem Fortschritt und Wachstum von Volkswirtschaften gut. "Wir haben Glück", so Kaul. "Genau dann, wenn unser Wachstum zu stottern beginnt und wir starke Partner brauchen, um die globalen Herausforderungen zu lösen, erstarkt der Süden, eröffnen sich neue Möglichkeiten der gemeinsamen Problemlösung."

Schlüsselfaktoren für wirtschaftlichen Aufstieg

Es waren die Leistungen des Südens, die die Weltwirtschaft auch in Krisenzeiten wesentlich mit getragen haben. China hat in weniger als 20 Jahren seine Wirtschaftsleistung verdoppelt. Im Jahr 2020, sagt der Bericht voraus, werde die Gesamtwirtschaftsleistung der drei führenden Volkswirtschaften des Südens – China, Indien und Brasilien – die Gesamtproduktion Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Kanadas und der Vereinigten Staaten übersteigen.

Zwar unterscheiden sich die erfolgreichen Länder in Hinblick auf ihre Geschichte, ihre politischen Systeme, ihre Wirtschaftsstruktur und ihre Entwicklungsprioritäten, doch sie weisen einige gemeinsame "Schlüsselfaktoren" auf, die der Bericht identifiziert: Die meisten dieser Länder sind proaktive Staaten, die die Chancen im Welthandel strategisch genutzt haben und zudem in Gesundheits- und Bildungsprogramme und andere soziale Dienste investiert haben.

Einkommensungleichheit weiter hoch

Der Bericht zeigt aber auch, dass der Aufstieg des Südens sich nicht in allen Ländern gleichermaßen vollzogen hat. In den meisten der 49 am wenigsten entwickelten Länder, insbesondere in Ländern ohne Zugang zum Meer oder in Ländern, die weit von den Weltmärkten entfernt sind, gehen die Veränderungen langsamer vor sich. Die globale Einkommensungleichheit ist noch immer hoch und konnte in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch nicht so deutlich verringert werden wie Ungleichheiten in den Bereichen Gesundheit und Bildung (siehe Grafik).

Die meisten Regionen verzeichnen zunehmende Ungleichheit in Bezug auf Einkommen und rückläufige Ungleichheit in Bezug auf Gesundheit und Bildung. (Grafik: UNDP)

Erfolge durch engagierte Sozialpolitik

Verschiedene führende Staaten des Südens schaffen durch innovative sozialpolitische Maßnahmen neue Paradigmen für die Förderung menschlicher Entwicklung und für den Abbau von Ungleichheiten. Der Bericht verweist auf vorbildliche Transferzahlungsprogramme in Brasilien, Indien und Mexiko, die dazu beigetragen haben, Einkommenslücken zu schließen und die Gesundheit und Bildung in armen Gemeinschaften zu verbessern.

Wie Erfahrungen aus der Republik Korea zeigen, können schnellere Bildungsfortschritte die Kindersterblichkeit erheblich senken, und zwar durch bessere Chancen von Mädchen auf eine kontinuierliche Bildung und durch den positiven Einfluss gut gebildeter Mütter auf ihre Kinder. In Indien könnte eine Beschleunigung der Bildungsfortschritte nach dem Muster der Republik Korea die Kindersterblichkeit in den künftigen Generationen um bis zur Hälfte reduzieren. Die kontinuierliche Bildung von Frauen bis ins Erwachsenenalter stelle nahezu ein "Patentrezept" für die Beschleunigung der menschlichen Entwicklung dar, so der Bericht.

Zunehmender Süd-Süd-Austausch

Ein großer Teil der internationalen Beziehungen findet schon heute zwischen den Ländern des Südens statt – mit steigender Tendenz. Das gilt zum Beispiel für die Kommunikation, zum Bespiel in sozialen Medien, für die internationale Migration und den Handel. Die Entwicklungsländer haben ihren Anteil am weltweiten Warenhandel zwischen 1980 und 2010 nahezu verdoppelt, von 25 auf 47 Prozent, wobei der wichtigste Faktor für diese Expansion der Süd-Süd-Handel war.

 

Vorstellung des UN-Berichts über die menschliche Entwicklung 2013 in Berlin: Beate Wagner (DGVN), Richard Dictus (Leiter UN-Freiwilligenprogramm), Inge Kaul (DGVN-Präsidiumsmitglied), Uta Böllhoff(BMZ) und der Botschafter von Mexiko in Deutschland, Francisco N. González Díaz (v.l n. r). Foto UNV/Froenzler

Wettbewerbsdruck in der Entwicklungszusammenarbeit

Viele große Entwicklungsländer engagieren sich heute in der Entwicklungszusammenarbeit mit ärmeren Ländern. Sie gehen dabei deutlich pragmatischer vor als die meisten traditionellen Geber. Während der Norden den Schwerpunkt oft auf die soziale Entwicklung gelegt hat, investieren Geber wie z.B. China in die Infrastruktur. Die Entwicklungspartner im Süden haben angefangen, auf die traditionellen Geber indirekt Wettbewerbsdruck auszuüben und regen sie dazu an, den Bedürfnissen und Anliegen der Entwicklungsländer größere Aufmerksamkeit zu widmen.

Internationale Institutionen nicht mehr zeitgemäß

Der Bericht macht auch deutlich, dass die globalen Institutionen mit den gewaltigen Veränderungen noch nicht Schritt gehalten haben. China – heute die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – halte in der Weltbank nur einen Anteil von 3,3 Prozent, weniger als Frankreich mit 4,3 Prozent. Indien, das China bald als bevölkerungsreichstes Land ablösen wird, habe keinen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Und Afrika mit einer Milliarde Menschen in 54 souveränen Nationen sei in fast allen internationalen Institutionen unterrepräsentiert.

Erfolge absichern

Der Bericht spricht sich für ehrgeizige, gut durchdachte Politikkonzepte aus, die sicherstellen sollen, dass diese Entwicklungsfortschritte in den kommenden Jahrzehnten anhalten und auf eine noch größere Zahl von Entwicklungsländern ausgeweitet werden können. Vier zentrale Handlungsfelder seien dafür vorrangig: Die Förderung von Gerechtigkeit, insbesondere zwischen Mann und Frau, mehr Mitspracherechte und Mitbestimmung der breiten Bevölkerung, auch von Jugendlichen, sowie der Umgang mit drängenden Umweltproblemen und dem demografischen Wandel.

Die Autoren des Berichts warnen, dass kurzsichtige Sparmaßnahmen, Versäumnisse bei der Bekämpfung hartnäckiger Ungleichheiten und unzureichende Möglichkeiten für eine sinnvolle Bürgerbeteiligung die Fortschritte zunichte machen könnten, falls die Politik nicht energisch gegensteuert. Insbesondere im Umweltbereich könnte Untätigkeit in Bezug auf den Klimaschutz die Fortschritte der menschlichen Entwicklung in den ärmsten Ländern und Gemeinschaften der Welt aufhalten oder sogar umkehren.

Zur Überwindung aktueller Pattsituationen bei globalen Fragen wird der gestärkte Süden eine wichtige Rolle spielen. Insofern ist auch in dieser Hinsicht der "Aufstieg des Südens" eine gute Nachricht, die Anlass zu Hoffnung gibt. Denn, so Inge Kaul: "In dem Maße, in dem die Entwicklungsländer mehr wirtschaftliche und politische Macht gewinnen, sind sie auch in einer besseren Lage, Mit-Verantwortung für globale öffentliche Güter zu übernehmen."

Neues HDI-Ranking: Deutschland in den Top 5

Norwegen, Australien, die USA, die Niederlande und Deutschland bilden die Spitzengruppe in der Rangliste des neuesten Indexes der menschlichen Entwicklung (HDI) 2012. Der im Bericht über die menschliche Entwicklung 2013 veröffentlichte HDI misst nationale Ergebnisse in den Dimensionen Gesundheit, Bildung und Einkommen. Die niedrigsten Werte wurden für die konfliktgeschüttelte Demokratische Republik Kongo und den unter Dürre leidenden Sahel-Staat Niger ermittelt.