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Bevölkerungsentwicklung verschärft Armut in Afrika

Die Bevölkerung Afrikas hat unlängst die Schwelle von einer Milliarde Menschen überschritten. Die Herausforderungen, vor denen Afrika heute und in Zukunft steht, diskutierten Expertinnen und Experten auf einer Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) am 13. September 2010 in Berlin. Dabei wurde deutlich, dass das Bevölkerungswachstum wesentliche Erfolge bei den Millenniums-Entwicklungszielen wieder zunichte machen könnte. Denn alle diese Ziele sind als prozentuale Ziele festgelegt. Bei wachsender Bevölkerung sind sie umso schwieriger zu erreichen.

Nicht viel Widerhall fand der Appell von Michael Hippler, Leiter der Abteilung Afrika/Naher Osten bei Misereor, Bevölkerungsdruck nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance wahrzunehmen und mit jungen Leuten in Afrika gemeinsam etwas zu entwickeln. Ein Konsens kristallisierte sich jedoch deutlich heraus: Bildung macht einen entscheidenden Unterschied aus, wenn es darum geht, in armen Ländern die Geburtenraten zu senken. Dabei komme es vor allem auf die Sekundarbildung an, betonte u.a. Renate Bähr von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, Mitveranstalterin der Fachtagung.

Bevölkerungstrends in Afrika

Die demographischen Aussichten für die afrikanischen Länder südlich der Sahara skizzierte Carl Haub, Demograph beim Population Reference Bureau in Washington. In absoluten Zahlen werde die Bevölkerung Afrikas fast so sehr wachsen wie die Asiens, allerdings von einer sehr viel geringeren Ausgangsbasis aus. Das meiste Wachstum werde in Ost- und Westafrika stattfinden, deutlich weniger in Nordafrika. Der Anteil des südlichen Afrika an der gesamtafrikanischen Bevölkerung werde von sieben Prozent (2010) auf voraussichtlich vier Prozent (2050) zurückgehen. Eine gute Nachricht ist, dass die Kindersterblichkeit gesunken ist. Die Lebenserwartung ist zwar gestiegen, doch sie ist nach wie vor niedrig.

Umfragen, die zu besseren Daten im Bereich Bevölkerungsentwicklung führen, sind nicht leicht durchzuführen. In diesem Zusammenhang würdigte Haub das DHS-Programm – Haushaltserhebungen zu Demographie und Gesundheit (Demographic and Health Surveys). In den Erhebungen würden sehr persönliche Fragen gestellt. Zum Beispiel wurden Frauen befragt, wieviele  Kinder ideal seien.  Ihre Angaben schwanken zum Beispiel zwischen vier Kindern in Kenia (2008-09) und mehr als neun Kindern in Niger (2006). Dabei liegt die tatsächliche durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Kenia bei 4,6 (also über der gewünschten Kinderzahl), in Niger bei 7,1. Es fällt auf, dass die Anzahl der Kinder, die Männer sich wünschen, in der Regel höher ist als der Kinderwunsch der Frauen. In den meisten Fällen sind es die Männer, die die Anzahl der Kinder bestimmen.

Entwicklungsperspektiven auf Basis der DemographieReiner Klingholz - Foto: DGVN

Reiner Klingholz, Direktor des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, ergänzte die demographischen Daten um die Entwicklungsperspektive. Er machte deutlich, dass Afrika sich im Vergleich zu anderen Weltregionen relativ schlecht entwickelt hat. Bei Indikatoren wie der Lebenserwartung oder der Analphabetenrate hinkt Afrika hinterher, obwohl Asien und Lateinamerika vergleichbare Ausgangsniveaus hatten.

In vielen Ländern Afrikas sind die Fertilitätsraten besonders hoch. Trotz Wirtschaftswachstum werden die Menschen im Mittel immer ärmer, weil die Bevölkerung noch schneller wächst. Allerdings, so betont Klingholz: "Nicht alles was korreliert, hat auch immer miteinander zu tun". Man wisse nicht, was die Ursache und was die Wirkung sei: "Je mehr Armut, desto höher die Kinderzahl" oder "Oder je höher die Kinderzahl, desto mehr Armut".

Im Laufe der letzten 30-40 Jahre hat es in allen Ländern früher oder später einen Rückgang der Geburtenraten gegeben. Dieser verwandelt sich in eine demografische Dividende, wenn man zum richtigen Zeitpunkt in Arbeitskräfte investiert. Gleichzeitig müsse in Bildung investiert werden, damit die nächste, kleinere Generation höher qualifiziert ist. Dadurch werde dann auch die folgende Generation wieder kleiner.

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Bildung als Schlüssel zu niedrigeren Geburtenraten

Bei Mädchen ohne Sekundarabschluss sind die Geburtenraten viermal so hoch. Mädchen mit Sekundarabschluss haben dagegen die niedrigsten Geburtenraten und verwenden auch deutlich mehr Verhütungsmittel, erläuterte Sabine Gürtner, Leiterin des Sektorprogramms "Gleichberechtigung und Frauenrechte fördern" bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Warum die Sekundarbildung so eine große Rolle spielt, erklärte Klingholz: Mädchen, die zwei Jahre länger zur Schule gehen, heiraten später, haben weniger Kinder und kümmern sich mehr um die Gesundheit ihrer Kinder. Die Grundschulbildung habe dagegen wenig Einfluss, denn sie halte Mädchen nicht von frühen Heiraten fern. Außerdem habe sich gezeigt, dass Frauen, die von Bildung profitiert haben, wiederum auch mehr in die Bildung ihrer Kinder investierten. Entsprechend hänge der Bildungsstand der Kinder von dem der Frauen ab.

Steigende Einschulungsquoten

Foto: DGVN

Um bei den Millenniums-Entwicklungszielen gut dazustehen, haben viele Länder die Einschulungsquoten deutlich erhöht. So zum Beispiel Tansania, berichtete George Mutalemwa, Direktor des Zentrums für Afrikanische Studien und Internationale Programme an der St. Augustin Universität in Tansania: "Wir haben nicht genug Lehrkräfte und nicht genug Bücher, doch bei den Einschulungsquoten wurden Fortschritte erzielt".

Auch in Äthiopien zielen die Reformen des Bildungswesens darauf ab, bis 2015 zu erreichen, dass alle Kinder die Grundschule besuchen. Ein weiteres Ziel sei aber auch die Qualität der Bildung, so Tirsit Grishaw, Leiterin des Länderbüros Äthiopien der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Denn während in Äthiopien immer mehr Kinder und Jugendliche Zugang zum Bildungssystem bekämen, sinke die Qualität der Bildung immer weiter. Insbesondere Mädchen würden häufig die Schule abbrechen. Die Netto-Einschulungsquote lag 2008 bei 84,4 Prozent.

Qualität kaum messbar

Carl Haub betonte, dass es in der Tat auf die Qualität der Bildung ankomme, die allerdings kaum gemessen werde. In Volkszählungen werde zum Beispiel der Alphabetisierungsgrad nur schlecht geprüft. "Wer als Kind sechs Jahre zur Schule gegangen ist, hat das Lesen und Schreiben nach zehn Jahren vielleicht wieder verlernt", so Haub.

Es gehe also nicht nur darum, das Millenniums-Entwicklungsziel zu erreichen, sondern auch die Qualität zu verbessern, sagte Marina Schuster, MdB, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss mit Schwerpunkt Afrika und Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Neben Gesundheit und ländlicher Entwicklung sei der Bereich Bildung/Ausbildung einer der Schwerpunkte im Koalitionsvertrag, so Schuster. Denn: "Gute Bildung ist die beste Armutsbekämpfung".

Bevölkerungsfragen in der Entwicklungszusammenarbeit

In einer abschließenden Podiumsdiskussion nahmen Expertinnen und Experten die Rolle der Entwicklungspolitik in den Blick. Joachim Schmitt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, wies darauf hin, dass reproduktive Gesundheit in übergreifenden Gesundheitsprogrammen eine zentrale Komponente sei, auch wenn sie heute nicht mehr explizit auftauche. Ulrich Knobloch, Leiter des Sektorvorhabens "Bevölkerungsdynamik, Sexuelle und Reproduktive Gesundheit und Rechte" bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) merkte an, dass das Auftreten von HIV/Aids dazu geführt habe, dass Mittel aus dem Bereich der reproduktiven Gesundheit abgezogen und zur Aids-Bekämpfung eingesetzt wurden. Heute aber gehörten beide Bereiche ganz eng zusammen.

Es gibt keine Patentrezepte, denn die Situationen und die Bevölkerungsentwicklung in afrikanischen Ländern und Regionen sind sehr unterschiedlich, meinte auch Michael Hippler. Man müsse daher die Mikroebene in den Blick nehmen. In Kamerun wurden zum Beispiel mit der Verschlechterung der ökonomischen Situation kleine Mädchen früher zwangsverheiratet. Doch neben solchen Rückschritten gibt es in einigen Regionen auch erstaunliche Fortschritte. In Tansania sei es erfolgreich gelungen, mit Genitalverstümmelung umzugehen.

Foto: DGVNHipplers positiven Ansatz, Bevölkerungsdruck sei nicht nur eine Bedrohung, sondern könne auch als Chance wahrgenommen werden, teilte Mohammed Diob. Doch auf die Sichtweise des Senegalesen, Bevölkerung sei "ein Schatz, kein Handicap" reagierte Reiner Klingholz scharf: Es sei "chauvinistisch, zynisch und patriarchalisch", zu sagen, Kinder seien ein Schatz, wenn man ihnen nicht entsprechende Chancen eröffne, darunter Bildung und Chancengleichheit für Mädchen und Jungen.

Hippler allerdings mahnte an, wir müssen uns an die eigene Nase fassen, was unseren Ressourcenverbrauch angehe. Auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel müssen wir unsere Verantwortlichkeiten stärker wahrnehmen. "Wir müssen uns fragen lassen, warum viele der Millenniumsentwicklungsziele in Afrika nicht erreicht werden", so Hippler. Denn schließlich müsse für alle Menschen - heute und morgen - ein Leben in Würde möglich sein.

(Christina Kamp)

 

Präsentationen der Referenten: